Otmar Alt – Der Mann fürs Bunte

Braunschweig  Vom 16. September an würdigt die Braunschweiger Ausstellung „Farbwelten“ den vielseitigen Künstler. Plastiken in der Innenstadt machen neugierig.

Otmar Alt, 72, vor seinem Altarbild in der Martini-Kirche.

Otmar Alt, 72, vor seinem Altarbild in der Martini-Kirche.

Foto: dpa

Vor dem Braunschweiger Altstadtrathaus prangt ein Stuhl aus schwerer Bronze, so massiv und selbstverständlich, als stünde er schon immer dort. Steht er aber nicht.

Der „Thron des Meisters“ ist eine von vier Skulpturen Otmar Alts, die in der Innenstadt bereits auf die Ausstellung „Farbwelten“ verweisen. Vom 16. September an gibt sie einen umfassenden Überblick über das Schaffen des experimentierfreudigen Künstlers, mit rund 120 Gemälden, Grafiken, Plastiken und Designobjekten in der Jakob-Kemenate, in Amtsgericht und Martini-Kirche sowie an mehreren Außenstellen.

Bekanntgeworden ist der gebürtige Wernigeroder Alt ja als Otmar, der Farbenfrohe. Er kann aber auch monochrom, wie der Bronzethron aus dem Jahr 1994 zeigt, der in seiner augenzwinkernden Verspieltheit dennoch ein echter Alt ist.

Das Sinnbild der Herrschaft wird konterkariert durch die drei ungleichen, wulstigen Beine dieses Thrones, durch die figürliche Gestaltung von Arm- und Rückenlehne und ein phallusartiges Schwänzchen. Wer von hier aus herrschen will, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Alt kam über eine Lehre als Schaufenstergestalter und Plakatmaler in West-Berlin zum Kunststudium. Früh entwickelte er seine eigene Handschrift, geprägt von kräftigen Farben und Kontrasten, oft in kleinteiligem Puzzlestil komponiert, meist figürlich, beeinflusst von naiver Kunst, Pop Art, von der Comic-Ästhetik und Meistern der klassischen Moderne.

In der Martini-Kirche ist ein großformatiges Altarbild des 72-Jährigen ausgestellt, ein buntes, wild bewegtes Triptychon, entstanden von 2007 bis 2011. Einzig die Mitteltafel dieser lauten Arbeit vermittelt Ruhe: Vor einem breiten weißen Kreuz schwebt der Schattenriss eines androgynen Gekreuzigten, der Mann, aber auch Frau sein könnte.

Links davon verkeilt sich ein grelles Figurenwirrwarr ineinander, darunter auch eine Hitlerfratze – das ist die Hölle. Den rechten Flügel, den Himmel, dominieren zwei naive Frauenfiguren und Shawn, das Schaf – oder auch: das Lamm Gottes. Bezüge auf die Zeit- und Kunstgeschichte verleihen Alts bunten Wimmelbildern eine Tiefenebene.

Bei der von ihm designten VW Golf-Sonderedition aus dem Jahr 1997 können wir die nicht entdecken. Im Hauptbahnhof ist so ein Kunst-Auto ausgestellt: bunte Kleckse auf der Karosserie, ein Clownsgesicht auf der Motorhaube, farbige Sitze. Ein Hingucker – mehr nicht.

Berührungsängste zu Auftragsarbeiten hat Alt nicht. „Die Kunst muss zu den Menschen kommen“, erklärt der bärige 72-Jährige, warum er Telefonkarten gestaltet hat. Oder lustige Skultpuren für einen westfälischen Wurstwarenunternehmer.

Auf dem Eiermarkt sind „Erwin“ und „Willi“ ausgestellt, massige Bronzeplastiken eines Schweins und einer Kuh. Leicht verfremdet, aber doch vor allem kugelig, rund und gemütlich ruhen sie dort in sich. Als wenn sie tatsächlich Persönlichkeiten wären, und keine Schlachtprodukte. Aber es fühlt sich gut an, über ihre Bäuche zu streicheln.

Die Schau „Farbwelten“ eröffnet am 16. September und läuft bis 4. November. Bereits heute, Samstag, 18 Uhr, werden in der Jakob-Kemenate am Eiermarkt Bilder Otmar Alts versteigert.

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