Braunschweig. Das ambitionierte Ensemble fesselt mit dem tonmalerischen Konzert „Fuga“ von Henning Bundies und einer deutschen Erstaufführung Hunderte Zuhörer.

Er hat sich im Wortsinn unheimlich viel vorgenommen für sein Konzert „Fuga“ (lateinisch für Flucht), der Braunschweiger Cellist und Komponist Henning Bundies. Ziviler Widerstand gegen Invasoren soll darin musikalisch zum Ausdruck kommen, die brutale Reaktion darauf, Krieg, Flucht und die Einsamkeit in der Fremde. Ein Wagnis, für das es einen großen, mutigen Klangkörper braucht – wie das TU-Orchester unter Leitung seines experimentierfreudigen Dirigenten Markus Lüdke.

Bei der Uraufführung am Sonntagabend ist der Audimax mit mehr als 600 ZuschauerInnen bis auf den letzten Platz besetzt. Im zweiten Satz bricht ein Inferno über sie herein. Dramatisches Streicherschwirren, Bläserschrillen, Bassposaunen-Dröhnen und Schlagwerk-Einsatz aus allen Ecken des Saales. So mag sich Krieg ansatzweise anhören; einschüchternd klingt es jedenfalls.

Das Orchester stampft, klatscht, pfeift, schrillt

Doch von Anfang an: Eine zentrale Rolle in „Fuga“ spielt die Kamantsche, ein traditionelles persisches Saiteninstrument, das bei der Uraufführung der aus dem Iran stammende Solist Misagh Joolaee streicht und zupft. Die Kamantsche klingt geigenähnlich, aber kehliger, brüchiger, sehnsüchtiger. Joolaee lässt sie zunächst leise singen, dann im Zusammenspiel mit den Streichern feuriger, zu tänzerischen Rhythmen, zu denen die MusikerInnen schließlich mit Füßen stampfen. Hier mag ein Dorf noch in Frieden feiern, oder sich trotzig gegen Invasoren auflehnen, wie Bundies im Programmheft nahelegt.

Der Komponist reizt außerinstrumentale Klangmöglichkeiten auch im Folgenden aus, wenn scharfe Klatsch- und Pfeiflaute quer durchs Orchester ertönen, nächtliche Schläge und Schüsse suggerierend. Nach der Eskalation der (Klang-) Gewalt bringt der dritte Satz zu schleppenden Streichermotiven und einem hypnotischen Rhythmus das Leid der Flüchtenden zum Ausdruck, gipfelnd in einem intimen Quartett von Kamantsche und den StimmführerInnen der Streicher.

Packend nicht nur für Klassik-Fans

Der finale Satz erzählt dann wohl von Sicherheit, aber auch Einsamkeit in einer neuen, fremden Kultur. Bundies lässt ihn teils wie Barockmusik klingen, allerdings mit swingenden Rhythmen und poppigen Streichereinwürfen, bevor das Konzert wieder mit leisem Kamantschen-Gesang endet.

Das Publikum feiert das Orchester, den Komponisten und den Solisten Joolaee, der hier mehr noch mit Einfühlsamkeit als mit seiner Virtuosität besticht. Bundies’ „Fuga“ wirkt ein wenig eklektisch und zuweilen plakativ, bietet aber eine Fülle von Ideen und packenden Motiven, die auch ein Publikum jenseits der klassischen Stammkundschaft fesseln können.

Deutsche Erstaufführung der zweiten Sinfonie von Leevi Madetoja

Auch beim zweiten großen Opus des Abends setzt Orchesterleiter Lüdke nicht auf Altbewährtes, sondern präsentiert mit der zweiten Sinfonie des Finnen Leevi Madetoja (1887-1947) eine deutsche Erstaufführung (!). Das Stück sei eine Art Gegenentwurf zu Beethovens Fünfter, erläutert er dem Publikum, und bewege sich nicht „durch die Nacht zum Licht“, sondern erzähle zwar ebenfalls von schicksalhaftem Ringen, auch von Finnlands Schönheit, ende aber resignativ.

Die groß besetzte Sinfonie bietet Gelegenheit zu demonstrieren, über welch ausgezeichnete Bläser das TU-Orchester verfügt. Oboistin Susanne Dedié und Hornistin Undine Charlotte Welle zeichnen sich mit solistischen Passagen aus dem Zuschauerraum heraus aus, aber auch die übrigen Holz- und Blechbläser bewältigen viele hervorgehobene Stellen exzellent. Ein punktierter, teils marschhafter Grundrhythmus treibt quer durch die Stimmgruppen große Teile der Komposition an. Folkloristische Motive wechseln mit sich mächtig aufbauenden Klangballungen, mal expressiv, mal impressionistisch gefärbt, bis zum melancholisch-tragischen Aushauchen.

Ein Aushängeschild für die TU

Die rasante Ouvertüre und ein weiteres Intrumental aus Leonard Bernsteins Musical „Candide“ rahmen den ambitionierten Abend. Auch hier beweist das TU-Orchester seine für ein Laienensemble formidable Qualität. In dieser Form, aber auch mit seiner Entdeckerfreude ist es ein Aushängeschild der Universität. Gäbe es in der Konzertpause noch etwas zu trinken, würde man vielleicht sogar die im kühlen Audimax-Foyer genießen.

Weitere Aufführungen am 6. und 7. Februar, 20 Uhr, im Audimax.

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