Musikfonds-Chef: Gern Drum’n’Bass, wenn’s experimentell ist

Braunschweig.  Eine Milliarde Euro gibt die Bundeskulturministerin, unter anderem für Musikförderung aller Genres. Wegen der Vielzahl der Anträge entscheiden Jurys.

Tänzer der Compagnie Sasha Waltz & Guests und Mitglieder des Ensemble Modern beim Projekt "Jagden und Formen" auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt am Main.

Tänzer der Compagnie Sasha Waltz & Guests und Mitglieder des Ensemble Modern beim Projekt "Jagden und Formen" auf der Bühne des Schauspiels Frankfurt am Main.

Foto: Dominik Mentzos / picture-alliance/ dpa

Der Tänzer hat nur seinen Körper, den er für ein Projekt zu künstlerischem Ausdruck bringt. Der Sänger seine Stimme. Der DJ kann noch an seinen Pulten spielen. Aber allen gemeinsam ist, dass ihr Tun erst vor Publikum Emotion und Sinn entfaltet, nur so die künstlerische Leistung bewertbar wird. Im Zuge der Corona-Auftrittsverbote entstand daher die Idee des Fonds „Neustart Kultur“: 1 Milliarde Euro stellt das Bundeskulturministerium bereit, um Projekte zu initiieren und wieder möglich zu machen.

Das Spektrum ist denkbar weit gespannt. Es umfasst Stipendienprogramme, Hilfe zur Projektentwicklung und Herrichtung von Spielstätten ob für bildende oder darstellende Kunst, Tanz, Literatur, Musik, Kino, Zirkusse, Museen und Bibliotheken. Wichtig ist, dass die Mittelvergabe durch Jurys kuratiert ist, denn selbst eine Milliarde dürfte nicht für alle und alles reichen, was in der Kultur wünschenswert wäre.

Braunschweiger DJ argwöhnte Bevorzugung der Hochkultur

Der Braunschweiger Club-DJ Ly Da Buddah (bürgerlich Oliver Lüddecke) kritisierte dieses Verfahren vor dem Hintergrund der Ablehnung seines Stipendienantrags beim Musikfonds jüngst massiv und argwöhnte, dass die Jury nach Geschmack und Hoch- und Subkulturunterscheiden würde. Die Jury des Musikfonds hatte 10 Millionen Euro an ihre Antragsteller zu vergeben zur „Förderung der aktuellen Musikszene, Recherche und Konzeptentwicklung“. Die Aussage, seine Musik „passe nicht ganz zur künstlerischen Ausrichtung des Musikfonds“ hatte ihn als Drum’n’Bass-Produzent verletzt. Stimmt aber deshalb sein Verdacht, hier wurde Hochkultur bevorzugt?

Musikfonds-Geschäftsführer Gregor Hotz betont etwas ganz Anderes: „Wir sind im sehr experimentellen Bereich unterwegs. Gegen Drum’n’Bass hat gar niemand was, wenn es in eine experimentelle Richtung geht.“

Musikfonds legt Wert auf nicht kommerziell orientierte Musik

So klingt das auch in der Selbstbeschreibung des Musikfonds: „Ziel ist die Förderung der aktuellen Musik aller Sparten in ihrer Vielfalt und Komplexität. Der Musikfonds nimmt eine hochambitionierte Musik in den Fokus, die Kunst als Selbstzweck, als existenziell-kreative Notwendigkeit oder Folge unabdingbaren Ausdruckswillens begreift und nicht kommerziell orientiert ist.“

Hotz hatte Lüddecke auch eine Bewerbung bei der Initiative Musik empfohlen, die aus dem Aufbaufonds 10 Millionen Euro für Projekte von Musikern, Musikautoren und wirtschaftlichen Partnern wie Verlagen und Labels vergibt. Weitere 80 Millionen Euro zur Förderung von Musikveranstaltern und Festivals, und zusätzliche 27 Millionen Euro für Musikklubs zur programmatischen Neuausrichtung.

Über 3000 Anträge, die Hälfte musste abgelehnt werden

„Die Enttäuschung von Herrn Lüddecke kann ich verstehen und bestreite auch nicht, dass er eine Förderung verdient hätte“, erklärt Hotz am Telefon. „Aber wir hatten über 3000 Anträge, mehr als die Hälfte mussten wir ablehnen.“

Gefragt seien klangliche Konzepte und Kompositionen, die gebrochen sind, oft zwischen den Genres mäandern. Klassik ist nicht gleich retrograd, Elektromusik nicht automatisch Avantgarde. Gesucht würde alles jenseits des Standards. Deshalb würde man die Genrebezeichnungen der Künstler auch nicht mehr abfragen, „die wissen dann oft gar nicht, wie sie sich einordnen sollen“, so Hotz.

Juroren aus verschiedenen Genres

Es habe wegen der vielen Anträge fünf Jurygruppen à drei Personen gegeben, die jeweils 600 Anträge zu bearbeiten hatten. „Dabei haben wir darauf geachtet, dass in jeder Gruppe immer ein Juror aus der Klassik, einer aus dem Jazz und einer aus der Rock- und Elektromusik kam.“ Gewertet wurde nach Punkten. „Unsere Stipendien gibt es, wenn auch nicht so aufgestockt, jedes Jahr, es lohnt, sich immer wieder zu bewerben. Auch die klassischen Musiker, die das von Wettbewerben gewohnt sind, haben es oft erst im dritten Anlauf geschafft.“

6000 Euro erhielt jeder Stipendiat diesmal. Nur ungefähr die Hälfte der bewilligten Anträge basierten auf klassischer zeitgenössischer Musik, überschlägt Hotz. In der anderen Hälfte sei viel Jazz, auch etwas Drum’n’Bass gebe es.

Er selbst, als Jazzmusiker gestartet, hat sich vor seinem Amt im Musikfonds als Veranstalter und Kurator u.a. der Onlineplattform Echtzeitmusik betätigt und das Splitter Orchester gegründet. „Seit ich nach Berlin kam, habe ich mich in allen Musikstilen umgehört“, erzählt Hotz. Offenheit gehört für ihn zum Beruf.

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