Neuer Lockdown – das sagen Kulturschaffende der Region dazu

Braunschweig.  Das Verständnis für die neue Schließungsverfügung hält sich in Grenzen – vor allem bei den Betreibern privater Bühnen.

Thomas Hirche kann sein kleines Braunschweiger Theater „Das Kult“ kaum noch wirtschaftlich betreiben. Der neuerliche Lockdown trifft ihn um so härter.

Thomas Hirche kann sein kleines Braunschweiger Theater „Das Kult“ kaum noch wirtschaftlich betreiben. Der neuerliche Lockdown trifft ihn um so härter.

Foto: Henning Thobaben / Archiv

Als Miriam Paul Anfang des Jahres das Braunschweiger Figurentheater Fadenschein übernahm, stürzte sie sich mit Feuereifer in die Programmplanung. Am 12. März traf die Ladung mit 7500 Frühjahrsspielplänen zum Verteilen ein – für die Tonne. Einen Tag später musste sie das Theater schließen. Gestern erhielt das Fadenschein die Programm-Flyer für November und Dezember, quasi zeitgleich mit der Nachricht vom erneuten Lockdown. „Das ist schon bitter“, sagt Yvonne Uhlig, die Sprecherin der kleinen Privatbühne.

Wo man sich gestern umhört, herrscht bei Kulturschaffenden eine Mischung zwischen leiser Verzweiflung, stoischem Zähnezusammenbeißen und Galgenhumor. Dass auch Theater vom neuerlichen Lockdown betroffen sind, sehen viele kritisch – äußern das aber unterschiedlich deutlich, je nachdem, ob sie öffentliche geförderte Häuser leiten oder Privattheater, an denen ihre Existenz hängt.

Braunschweigs Altstadt-Komödie hat ein „folgsames Publikum“

Letztlich sei ihm der Lockdown sogar lieber als die unklare Lage der letzten Tage, sagt etwa Florian Battermann, Chef der Braunschweiger Komödie am Altstadtmarkt. Frühere Appelle der Kanzlerin, besser zu Hause zu bleiben, hätten bereits zu deutlich schlechter besuchten Vorstellungen geführt. „Unser Publikum ist da durchaus folgsam.“

Genau deshalb aber sei es so unfair, „dass wir nun erneut praktisch ein Berufsverbot erhalten“, grummelt Battermann. „Wir hatten hier keinen einzigen Infektionsfall. Dann hätte sich das Gesundheitsamt gemeldet, denn wir sammeln ja die Kontakte von jedem Besucher.“ Auch dank moderner Lüftungstechnik sei es in der Komödie praktisch sicherer als zuhause.

20.000 Euro Unterstützung hat Battermann nach eigenen Angaben bisher von Stadt und Land erhalten. Demgegenüber stünden schon jetzt Mindereinnahmen von mehr als 500.000 Euro. Nun der neuerliche Lockdown. Und es sei ja keinesfalls sicher, dass der wirklich Anfang Dezember ende. „Und was passiert im Januar?“, fragt Battermann. Er setzt nun auf die Ankündigung von Finanzminister Olaf Scholz, vom neuerlichen Lockdown Betroffene mit 75 Prozent der Einnahmen des entsprechenden Vorjahreszeitraums zu entschädigen, auch wenn diese zunächst für Soloselbständige gilt. Angesichts der unverschuldeten Schließungsverfügung wäre dies das Mindeste, so Battermann.

Großer Durchhaltewille im Figurentheater Fadenschein

Zurück ins Fadenschein. Der neue Lockdown treffe das Theater hart, weil November und Dezember Hauptsaison seien, sagt Sprecherin Yvonne Uhlig. Durch die Reduktion der Zuschauerkapazität von 120 auf 40 arbeite man allerdings oft unwirtschaftlich, zumal Kindergärten und Schulen nur noch mit kleinen Gruppen kämen und oft nicht mal alle Plätze füllten.

„Aber meine Chefin Miriam Paul hat sich den Enthusiasmus bewahrt und will weiter unbedingt Theater gerade für Kinder bieten“, sagt Uhlig. Nun arbeite man sich mit viel Aufwand durch zahlreiche Förderanträge und hoffe etwa auf Mittel für eine neue Belüftung. Es habe aber auch unbürokratische Unterstützung gegeben, etwa von der Braunschweigischen Stiftung.

In seinem kleinen Braunschweiger Privattheater „Das Kult“ hat Leiter Thomas Hirche nur noch 30 statt 90 Plätze zur Verfügung. Auch er zahle bei Gastspielen auswärtiger Künstler teils sogar drauf, erzählt Hirche. Denn die erhielten 70 Prozent des Eintritts plus Kost und Logis. Finanziell lohnten sich die Auftritt auch für sie kaum. Aber sie hätten zumindest ein paar Einnahmen, „und wir alle wollen den Menschen gerade jetzt auch ein wenig gute Unterhaltung bieten“. Dass nun trotz aller – erfolgreichen – Bemühungen um Infektionssicherheit im Kult „den Menschen die Kultur wieder weggenommen wird“, ärgert Hirche. Auch er erwartet eine Entschädigung.

Intendanten der Theater in Wolfsburg und Braunschweig äußern sich zurückhaltend

Zurückhaltender äußern sich die Intendanten des Theaters Wolfsburg Dirk Lattemann und des Staatstheaters Braunschweig Dagmar Schlingmann. Angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen sei ein harter Einschnitt nötig gewesen. „Aber ich hätte mir mehr Differenzierung gewünscht. Wir haben einen Kulturauftrag, und ich glaube, dass er für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig ist“, sagt Lattemann. Dass Institutionen, in denen das Infektionsrisiko erfahrungsgemäß sehr gering sei, trotzdem geschlossen würden, „fühlt sich etwas ungerecht an“.

Auch Dagmar Schlingmann hadert ein wenig damit, „dass Theater von der Politik als Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbäder und Sportstudios eingeordnet werden“ – und nicht als Bildungseinrichtungen. Trotzdem habe die Politik reagieren müssen und das diesmal immerhin bundesweit einheitlich getan. Gut und wichtig sei die Ankündigung, freischaffende Künstler mit 75 Prozent der Einkünfte des Vergleichszeitraums zu entschädigen: „Auch bei uns haben ja nicht alle feste Verträge.“ Die vier für November geplanten ausverkauften Premieren würden nun im Dezember stattfinden, Karteninhaber angeschrieben. Immerhin dürfe der Probenbetrieb diesmal weiterlaufen.

KOMMENTAR von Florian Arnold

Das Versprechen der Politik, Kulturschaffende diesmal für den Lockdown zu entschädigen, muss eingelöst werden. Denn sachlich gibt es keinen Grund für deren Berufsverbot. Aus Kinos, Museen und Theatern sind keine nennenswerten Infektionsfälle bekannt. Mag sein, dass die Politik bei der Steuerung von 80 Millionen Menschen in einer Pandemie nicht allzu differenziert vorgehen kann und eine klare Richtung vorgeben muss. Klar wird aber auch: Dass Kultur unverzichtbar sei, sagen Politiker in Sonntagsreden – in Krisenzeiten gilt das nicht.

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