Heiteres Bibelszenenraten mit Marc Chagall in Braunschweig

Braunschweig.  Braunschweigs Jakobkemenate zeigt erneut viele meist farbsatte religiöse Lithografien des großen Expressionisten.

König David mit der Harfe.

König David mit der Harfe.

Foto: Andreas Berger

Bei Moses, dem großen Bärtigen mit den beiden Hörnern auf dem Kopf, die vom Strahlenkranz noch übrig sind, fällt das Erkennen noch leicht. Der Mann, dem Gott höchstselbst die Zehn Gebote diktierte, hat die beiden Gesetzestafeln mahnend erhoben. Der ganze Hintergrund ist zornesrot, sein Gesicht nur mit dicken schwarzen Strichen nach Punkt-Punkt-Komma-Strich-Methode draufgemalt, dass er hier wirklich bedrohlich, fast teuflisch wirkt.

Dieser Moses ist gewissermaßen das flammende Gesetz selbst und zurecht erbost über sein auserwähltes Volk, das kurz nach der Befreiung aus Ägypten und dem Manna-Segen schon wieder ums Goldene Kalb tanzt. Dabei zeigen dei von Chagall gemalten Gesetzestafeln hier gar keine Schrift, nur lebenspendendes Blau, als erinnerten sie an das Rote Meer, das sich für die Flüchtlinge teilte und sie so rettete.

Chagall - Jude und Kosmopolit

Chagall, der russische Jude und französische Kosmopolit, spart also die menschlichen Regungen der Propheten und Könige nicht aus in seinem Zyklus „Verve“ und den „Bildern zur Bibel“, die illustre Gestalten des Alten Testaments vorstellen. Da ist, dem jüdischen Verbot einer Darstellung Gottes zum Trotz, sogar des Höchsten Arm und Hand zu sehen, die jene Gesetzestafeln dem Moses runterreicht. Und dann der Prophet eher als ruhiger Rabbi, der im Gesetz liest und wie fragend sich umschaut zu Gott oder den Gläubigen, offen zur Diskussion.

Der schmucke König mit der Harfe, ein Farbklang aus Orange und Rosa, der sich kostbar abhebt von dem weißen Gesicht und den weißen Händen, ist David, der Sänger, der den Riesen Goliath erschlug, Jonathan liebte und Bathseba, die Frau eines anderen. Chagall fasst dies noch in ein merkwürdiges Konterfei, angeblich David und Bathseba darstellend, aber die beiden Gesichter sind verschmolzen zu einem einzigen aus männlichen und weiblichen Zügen, das ebenso David mit seinen ambivalenten Gefühlen allein oder gar das Göttliche selbst meinen kann, Vater und Mutter aller Gläubigen.

Fast 50 farbige Lithografien, aber ohne jede Beschriftung

So viel zu den Promis. Aber woran erkennt man Salomon? Wie unterscheidet man Jeremias von Jesaja? Und wer waren überhaupt Esther, Tamar und Noemi? Chagall hat sich auch den Frauen des Alten Testaments gewidmet. Die schöne Ausstellung in der Braunschweiger Jakobkemenate bietet zwar fast 50 farbsatte Original-Lithografien auf, aber nicht eine einzige Beschriftung. So wird die Schau zu einem großen Bibelszenenraten. Zwar gibt es ein Begleitheft mit guten Erläuterungen, aber dort sind die Bilder ganz anders gruppiert, als sie gehängt sind. Da wären zumindest Nummern hilfreich gewesen.

Die „Bilder zur Bibel“ im ersten Stock erfreuen mit einer fröhlichen Schöpfung: ein blauer Strudel mit Sonne und Mond als Lichter in der Mitte, umschwebt von Engeln, Vögeln und Getier, Adam und Eva aber schon etwas zentrifugal nach außen geschleudert am Baum der Erkenntnis. Ach, wie grünt und blüht auf dem nächsten Bild dieser Baum aus dem vereinten Paar, wächst sozusagen aus ihrem Koitus als Leben, Wissen und Lust hervor.

Gott im Bild trotz jüdischen Bildnisverbots

Aber Gott reagierte strenge. Chagall zeigt auch das, doch mit entgegengesetzter Sympathie: Ein giftgrüner Gottvater weist strafend auf die mild in sich gekehrte, liegende nackte, schamrote Eva, mit der man sofort Mitleid hat. Der Begleittext kritisiert denn auch den Titel und will in dem bärtigen Verdammer Adam sehen, der die Schuld Eva zuschieben will. Gott erscheine wegen des Abbildverbots nur als Schriftzug. Nun hatte sich Chagall schon im Moses-Bild über dieses Verbot hinweggesetzt, und Adam, zu der Zeit Jüngling, spräche ja wohl kaum als Greis vom Himmel herab.

Man muss in der Bibel auch das Unopportune ertragen. Eva wird verdammt, unter Schmerzen zu gebären, und das sieht man ihrem schönen runden Leib schon an. Chagall stellt christlich beeinflusst daher Gott ungnädig dar, weil er die Nächstenliebe verletzt. Die Bilder sind auch heute noch diskussionsanregend.

Bis 10. Januar, Mo.-Sa. 11-17 Uhr, So. 12-17 Uhr. Eintritt frei.

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