Theater: Neue Sicht auf Frankenstein in Braunschweig

Braunschweig.  Im Gespräch erklärt die Staatstheater-Schauspielerin Gertrud Kohl, was der Roman von 1818 wirklich wollte.

Gertrud Kohl, für ihre Rolle geschminkt.

Gertrud Kohl, für ihre Rolle geschminkt.

Foto: Björn Hickmann/ stage picture

Ein Wort schlüpft uns im Gespräch immer wieder über die Lippen. Uns beiden. Und wir korrigieren uns sofort. Man las das Wort gestern auch bei den Kollegen vom örtlichen Wochenblatt. Es ist eben total naheliegend, weil es in den Volksmund eingegangen ist. Das liegt natürlich an Boris Karloff. Da sieht man mal wieder, wie eine Kunstfigur ein Eigenleben beginnt, das fort und fort rumort.

Wobei der Begriff „Kunstfigur“ in diesem Fall tatsächlich eine vierfache Bedeutung hat. Erstens meint er die Kreatur eines skrupellosen Wissenschaftlers namens Dr. Frankenstein. Zweitens ist diese Figur das Fantasieprodukt einer sehr jungen Romanautorin namens Mary Shelley aus dem Jahr 1818. Drittens ist sie die Projektionsfigur eines Theaterstücks, das am Freitag im Großen Haus des Staatstheaters die Spielzeit 2020/21 eröffnen wird.

Boris Karloff ist schuld

Und viertens ist sie eine Figur, welche die Schauspielerin Gertrud Kohl im Vorgespräch in geradezu rührender Einfühlung für ihre Darstellung zu begreifen versucht. Wobei der klassischen Theatervokabel „Einfühlung“ hier eine besondere Bewandtnis zukommt. Wir kommen darauf zurück. Frau Kohl jedenfalls hat diese Figur zu spielen. Und auch ihre Schöpferin.

So. Manchmal ist das Theater eben doch ein Kreuzworträtsel. Wie lautet also das Wort, das wir unbedingt vermeiden müssen? Richtig: Monster. „Es kommt in dem Roman von Shelley gar nicht vor“, sagt Gertrud Kohl. „Es ist eine Kreatur. Ein Wesen.“ Damit wäre das Entscheidende gesagt über die Produktion des Regisseurs Michael Talke.

Tragisches Geschöpf

fDie Inszenierung will laut Gertrud Kohl quasi den Roman – und damit die Kreatur – gegenüber dem populären Film mit Boris Karloff als (in dem Fall tatsächlich) Monster aus dem Jahr 1931 und vielen weitere Verfilmungen rehabilitieren. Der Autorin Shelley sei es nicht darum gegangen, einen horriblen Unmenschen zu schaffen. Sondern ein eher tragisches Geschöpf, das niemals Liebe und Fürsorge erfahren hat, das von vornherein aus der Gesellschaft ausgegrenzt ist, das keine Familie, keine Jugend, keine eigene Geschichte hat. Es gehe auch um die Verletzlichkeit dieses Wesens – allein und hilflos der Welt ausgesetzt, zur Einsamkeit verdammt. Letztlich, so Gertrud Kohl, gehe es um die Bedingungen des Menschseins. „Damit brechen wir sicher auch die Erwartungen vieler Zuschauer.“

Auch sie habe die Lektüre des Romans irritiert. „Da wird nicht chronologisch erzählt, es werden vielerlei Figuren eingeführt, viel Schauplätze geschildert, Bilder gemalt. Ich dacht beim Lesen die ganze Zeit: Wann kommt denn jetzt endlich der Grusel? Das Mons…. also die Kreatur taucht erst etwa in der Mitte des Buches überhaupt auf.“

Warum?

„Ich denke, weil Mary Shelley Menschen zeigen wollte, die eine heimische Umgebung haben, eine Herkunft, eine Geschichte – im Kontrast zu dem Wesen, das all dies nicht hat.“

Frankenstein selber, so Gertrud Kohl, habe sich die Konsequenzen seiner Schöpfung nie bewusst gemacht, habe sie verdrängt. „Die Konflikte wachsen ihm über den Kopf, er will nicht dafür verantwortlich sein, er will es loswerden.“

Nicht nur Gertrud Kohl, auch die anderen Darsteller schlüpfen in die Rolle des Mon… der Kreatur. „Weil es nicht um ein horribles Einzelphänomen geht, sondern weil wir alle etwas von ihm haben. Jeder kann ja jederzeit selbst in die Situation des Ausgegrenzten geraten. Wir haben kein Recht, draufzuhauen.“

Und wie spielt man nun so ein Wesen, das kein Mensch ist? „Mary Shelley hat Empfindungen rudimentär angelegt. Ich fühle mich ein über den Umweg des Menschen. Es gibt da bestimmte theatrale Mittel. Sie werden sehen...“

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