Braunschweigs Rizzi-Haus im Bildband „Kunst der Bausünde“

Braunschweig.  Bausünde, aber doch Kunst: Das Braunschweiger Happy-Rizzi-Haus steht für den Reiz architektonischer Debakel.

Das Happy-Rizzi-Haus vor der Magnikirche in Braunschweig.

Das Happy-Rizzi-Haus vor der Magnikirche in Braunschweig.

Foto: Braunschweig Stadtmarketing GmbH / Gerald Grote / Braunschweig Stadtmarketing GmbH

Der 2011 gestorbene Amerikaner James Rizzi war der wohl fröhlichste Künstler der Welt. Als Spätling der Pop-Art folgte er Avantgardisten wie Roy Lichtenstein, die den Comic in den 60er-Jahren in die hohe Kunst eingeführt hatten. Und zwar, wie es Spätlinge so an sich haben, in derartig übermütiger, in seinem Fall infantiler Übertreibung, dass ihm die ganze Welt zum Comic geriet. Auf seinen Bildern wuseln knallbunte Strichmännchen durch knallbunte Städte und Parks – vor allem durch das knallbunte New York.

Rizzi verstand es, sich zu vermarkten. Er schuf für Wolfsburg drei knallbunte VW-Beetle, die an die Flower-Power-Käfer erinnern sollten, und für Braunschweig ein knallbuntes, schräg zusammengekantetes Gebäude. Ein Gespräch über Kunst war mit James Rizzi meist kurz: „Ich will mit meiner Arbeit die Leute glücklich machen“, sagte er mir einmal. „Ich will ein Lächeln zaubern auf die Gesichter von Kindern und Erwachsenen.“

Bunte, hervorspringende Comic-Elemente

Nun, nicht alle Braunschweiger waren glücklich, als der Klotz dann fertig war und an prominenter Stelle am Rande des Magniviertels aufragte in seinen Bonbonfarben und den teils gemalten, teils reliefartig vorspringenden, knallbunten Comic-Elementen.

Dieser Tage widerfuhr dem Happy-Rizzi-Haus eine zweischneidige Ehre. Es fand Aufnahme in den Bildband „Die Kunst der Bausünde“ der Architekturhistorikerin Turit Fröbe, erschienen im renommierten Dumont-Kunstverlag (180 Seiten, 20 Euro).

Zweischneidig, weil einerseits, klar: Bausünde. Definitiv nicht schmeichelhaft. Architektonisches Debakel. Andererseits: „Die Kunst der...“ Also bitte. Die Autorin hat nämlich ein Herz für Bausünden. Jedenfalls für die guten.

Schlimmer ist gebaute Lieblosigkeit

„Gute Bausünden“, schreibt sie, „haben einen sehr starken Wiedererkennungswert, haben Mut, greifen daneben und sprengen den Kontext. Sie prägen sich in das Gedächtnis ein, sind originell, haben ein eigenes Gesicht.“ Schlechte Bausünden seien dagegen der langweilige Einheitsbrei unserer Städte. Turit Fröbe pointiert: „Gute Bausünden sind eine echte Alternative zu mittelmäßiger Architektur. Sie heben sich souverän aus dem unendlichen Meer der gesichtslosen, allgegenwärtigen Banalitäten ab.“

Gute Bausünden seien selten, die schlechten, die Fröbe „gebaute Lieblosigkeiten“ nennt, machen ihrer Einschätzung nach den Großteil der Alltagsarchitektur aus.

Als wesentliches Charakteristikum guter Bausünden nennt Fröbe, „dass sie keinerlei Bezug zum umgebenden städtebaulichen Kontext aufweisen und in Größe, Materialität, Farbgebung oder Form Fremdkörper darstellen“. Dennoch seien sie gerade nicht austauschbar. Sie sagten etwas aus über die jeweilige Stadt. Jede Stadt habe eine eigene „Bausündenpolitik“ und einen ureigenen Nährboden dafür.

Brazunschweigs Hang zu mutigen Bausünden

Braunschweig bescheinigt die Expertin „einen Hang zu bildgewaltigen, mutigen und entschlossenen Bausünden.“ Im Gegensatz dazu seien etwa Mönchengladbach oder Würzburg architektonisch gesichtslose Städte.

Natürlich bewegt sich die Autorin nach dem Motto: So hässlich, dass sie schon wieder schön sind, auf einem schmalen Grat. Ihre Bildbeschreibungen gehen kaum auf architektonische Details ein, auch finden sich nicht nur schrillbunte oder schräge Bauten. Auch öde Betonkirchen oder Kaufhaus-Klötze mit fensterlosen Wänden bildet sie in ihrem Buch ab. Aber all das bleibt ja trotz allem optisch zum Teil geradezu schmerzhaft. In ihrem zuweilen etwas überschwenglichen Lob der Bausünde unterschlägt Fröbe lustvoll eine dritte Alternative: wirklich gelungene Architektur.

Das Rizzi-Haus findet sie zwar auch gut, aber grenzwertig: „Mir tun die Leute leid, die da drin arbeiten oder es jeden Tag anschauen müssen“, sagt sie dem „Spiegel“.

Das würde James Rizzi wohl völlig anders sehen.

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