Schlagerlady im Ruhestand, Gitarren in Hardrockerhand

Braunschweig.  Zwei neue Bücher aus Braunschweig erzählen von den Polen des Showbiz – Schlager und Hardrock.

Schlagerstar Mary Roos (71) bei einer Gala vergangenen Dezember in Leipzig. Von einer - fiktiven - Schlagerdiva im Ruhestand handelt der Roman „Das Leben ist kein Vollplayback“ von Hans-Peter Schmidt-Treptow.

Schlagerstar Mary Roos (71) bei einer Gala vergangenen Dezember in Leipzig. Von einer - fiktiven - Schlagerdiva im Ruhestand handelt der Roman „Das Leben ist kein Vollplayback“ von Hans-Peter Schmidt-Treptow.

Foto: Hendrik Schmidt / picture alliance/dpa

Schlager und Hardrock markieren zumindest auf den ersten Blick entgegengesetzte Pole des Popuniversums. Zu beiden Musikstilen sind zuletzt Bücher von Braunschweiger Autoren erschienen, die ebenfalls kaum unterschiedlicher sein könnten: Frank Schäfers Essaysammlung „Die Neuerfindung des Rock’n’Roll“ und der Roman „Das Leben ist kein Vollplayback“ von Hans-Peter Schmidt-Treptow über eine Schlagersängerin im Ruhestand.

Hardrock ist ein Leib- und Magenthema des Braunschweiger Schriftstellers und Musikkritikers Schäfer. „Es gibt ja bekanntlich einen Kulminationspunkt der Musikgeschichte, auf den alles zuläuft - das Jahr 1979, als der Heavy Metal sein fettzöpfiges, splissgeschädigtes, milchbärtiges, eiterpickelgebeuteltes Haupt erhebt“, verkündet der 53-Jährige so breitbeinig wie augenzwinkernd im „Intro“ seines 130-seitigen Bandes. Wie es dazu kommen konnte, schildert weniger stringent als schlaglichtartig eine Zusammenstellung von Texten, die mit der „Kleinen Kulturgeschichte der E-Gitarre“ anhebt.

Frank Schäfers Eloquenz

Schäfer ist ein fundierter und vor allem eloquenter Kenner der Rockhistorie. So manches von dem, was er erzählt, fände man auch in Lexika, aber eben nicht so spritzig und originell serviert. Wie sich die Gitarre durch die Erfindung von Tonabnehmern aus dem kaum hörbaren Hintergrund von Jazzbands in den Vordergrund von Bluescombos elektrifizierte, wie die Gitarristen alsbald den Sound zu verfremden begannen, wie sie schließlich die eigentlichen Hauptdarsteller der Rockmusik wurden, das erzählt Schäfer so rasant wie pointiert.

„Spätestens seit der zweiten Hälfte der 60er war der Sensationswert des Gitarristen dem des Sängers mindestens ebenbürtig. Nicht zuletzt visuell. Eine naheliegende ikonographische Folge war der Schwarz/Weiß-Antagonismus des Frontpaares, oft unterstützt durch ein entsprechendes Bühnenoutfit.“

Im Essay „Hallelujah I love her so“ legt Schäfer überzeugend dar, wie sich der Pop aus dem Gospel heraussäkularisierte. „Die glühende Inbrunst, mit der sich die Gemeinde in die Aufführung ihrer Spirituals warf, erzeugte ekstatische Glücksmomente, die als Vorgeschmack auf die ewige Herrlichkeit gedeutet werden konnten.“ Mit dem Erfolg von Gospel im Radio professionalisierte sich die Produktion, die religiöse Botschaft trat in den Hintergrund, die Ekstase blieb. „Die Verweltlichung war abgeschlossen, als Künstler nur noch die exaltierten, sakralen Sprechweisen benutzten, um ganz und gar profane Inhalte damit zu nobilitieren“, schreibt Schäfer und nennt Ray Charles’ „Hallelujah I Love Her So“.

Andere Texte entführen dann doch weit in Hardrock-Nischenbereiche wie „Space Hippies“ über die britische Band Hawkwind. Und warum gerade 1979 die Geburtsstunde des Heavy Metal sein soll, wird Nicht-Fachleuten auch nach Abschluss der Lektüre nicht ganz klar – offenbar hat es mit der britischen Band Judas Priest zu tun („Warum können wir nicht einfach Judas Priest sein?“). Kurz: Die Kompilation ist im Ganzen ein lose zusammengebundenes Rock-Sammelsurium, im Detail allerdings ein pointiertes Lesevergnügen.

Hans-Peter Schmidt-Treptows Blick hinter die Kulissen

Mit Hans-Peter Schmidt-Treptows „Das Leben ist kein Vollplayback“ verhält es sich eher andersherum. Der studierte Betriebswirt arbeitet nach eigenen Angaben seit zehn Jahren im Musikgeschäft. Seine Erfahrungen hat er in der Geschichte des fiktiven Schlagerstars Jana Levin verdichtet – wobei verdichtet eben nicht der richtige Ausdruck ist.

Denn ein Schwachpunkt von Schmidt-Treptows im Plauderton dahinmäandernder Erzählung ist, dass sie keinen wirklichen Plot hat. Stattdessen lässt der Autor um seine Heldin eine Vielzahl von Figuren aus dem Showbusiness auftauchen und wieder verschwinden, die zumeist so blass bleiben, dass man den Überblick und das Interesse an ihnen verliert. Leider gilt das auch für Jana Levin selbst, die Schmidt-Treptow im Grunde als eine Frau ohne Eigenschaften vorstellt, die sich im Lauf des Buches auch nicht weiterentwickelt.

Die Mittsechzigerin hat gerade ihre Abschiedstournee hinter sich gebracht und nun wenig mehr im Sinn als gutes Essen, Mode und etwas Branchenklatsch. Wir lauschen ihr beim Tratsch mit Kosmetikerinnen oder beim Austausch von Belanglosigkeiten mit früheren, eigentlich verfeindeten Kolleginnen – solche Gespräche gibt Schmidt-Treptow minutiös wider.

„Wenn die Scheinwerfer aufleuchteten, funktionierte sie“

Zufallsbegegnungen mit Fans, Medienleuten oder verflossenen Affären nutzt er für ausführliche Rückblenden in Levins Karriere. Wir folgen ihr in die Büros von Plattenbossen, in TV-Studios, in schicke Hotels. Über ihr eigentliches Schaffen erfahren wir wenig, und es bleibt unklar, was die Faszination dieser Sängerin ausmacht, die sich selbst nicht sonderlich für Musik zu begeistern scheint: „Wenn die Scheinwerfer aufleuchteten, funktionierte sie, Regieanweisungen folgte sie gern, auch wenn sie diese manchmal für schwachsinnig hielt.“

Schmidt-Treptow interessieren mehr die Eitelkeiten der Showbiz-Leute, das so bunte wie banale Drumherum. Das alles wirkt gut recherchiert und sachkundig. Vielleicht entdecken Schlagerfans in manchen Figuren Züge real existierender Promis. Doch für einen Enthüllungsroman oder eine Satire auf die Glitzerbranche bleibt das Buch zu blass und referierend.

F. Schäfer: „Die Neuerfindung des Rock’n’Roll“. Verlag Andreas Reiffer. 136 Seiten, 9,50 Euro.

H. P. Schmidt-Treptow: „Das Leben ist kein Vollplayback“. Tredition-Verlag. 288, Seiten, 10,95 Euro.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder