Corona-Perspektiven – wie Künstler durch die Krise kommen

Die Pandemie hat viele Kulturschaffende unter hohen Druck gesetzt. In der Serie „Corona-Perspektiven“ kommen sie zu Wort.

Der Braunschweiger Jazz-Saxofonist Alexander Hartmann (55).

Der Braunschweiger Jazz-Saxofonist Alexander Hartmann (55).

Foto: Kloepper Foto Design / Alexander Hartmann

Kulturschaffende trifft die Corona-Krise besonders hart. Ihre Lebensgrundlage ist das Publikum, und Publikum darf derzeit nur sehr eingeschränkt zusammenkommen. Es scheint nicht so, dass sich das bald ändert. In unserer Serie Corona-Perspektiven sprechen Künstler offen über ihre Lage, ihre Sorgen, Ideen und Wünsche. Den Anfang macht der Braunschweiger Jazz-Saxofonist Alexander Hartmann (55), den wir bereits zu Beginn der Krise vorstellten. Wie ist es ihm seitdem ergangen?

Jazz-Saxofonist Alexander Hartmann: Absagen vom März bis September

„Ab Mitte März wurden relativ kurzfristig fast alle Aufträge bis Juni abgesagt und im weiteren Verlauf dann bis September. Gerade April, Mai, Juni sind die umsatzstärksten Monate, die mich und meine Familie über den flauen Sommer retten müssen. Die Ausfälle lassen sich nicht kompensieren, da ich meine Gage ja nicht mal eben verdoppeln kann.

Das Positive vorweg: Sehr hilfreich waren verschiedene finanzielle Unterstützungen. Vom Volumen ganz vorne die Künstlerhilfe der Stadt Braunschweig, welche unkompliziert und zügig bereitgestellt wurde. Dann hatte ich das Glück, durch schnelle Reaktion und gute Vorbereitung, die für kurze Zeit erhältliche Soforthilfe Niedersachsens in Anspruch nehmen zu dürfen. Auch gab es verschiedene Initiativen mit kleineren, aber dennoch überlebenswichtigen Zuschüssen wie die Aktion der sehr engagierten Initiative Jazz Braunschweig oder der Orchester Stiftung.

Kurzfristiges Engagement auf Kreuzfahrtschiff

Die Zusammenarbeit mit meinen Musikschulen und der Uni Hildesheim klappte gut. Online-Unterricht wurde wie Präsenzunterricht entlohnt. Allerdings bin ich in erster Linie Live-Musiker. Der Kontakt zu meinen Auftraggebern blieb bis auf wenige Ausnahmen erhalten. Nach und nach gehen die Veranstalter wieder in die Planung, teilweise mit kurzfristigen Aufträgen. Zum Beispiel habe ich aktuell ein Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff für zwei Wochen im August.

Auch meine Jazzreihen in den Gaststätten „Parlament“ Braunschweig und „Awilon“ Wolfsburg laufen wieder an. Ein Projekt in Zusammenarbeit mit Braunschweiger Gymnasien startet voraussichtlich noch Ende dieses Jahres. Ganz gerührt war ich von der Anteilnahme einiger Kunden, die ich seit Jahren kenne. Da wurde mir angeboten, die Gage für kommende Auftritte vorab zu bezahlen.

„Ich bin nicht arbeitslos, ich darf nur nicht spielen“

Jetzt komme ich zu den Enttäuschungen: Viele Politiker verkünden, „wir lassen keinen fallen“. Das ist PR, die nicht stimmt. Was nützt eine Soforthilfe für Betriebsausgaben, die man gar nicht hat? Und das Angebot, unkompliziert auf Hartz IV zuzugreifen, zeigt das mangelnde Interesse an meinem Beruf.

Ich bin nicht arbeitslos, ich darf nur nicht spielen. Finanziell mag das etwas helfen, aber unser Lebensgefühl und unsere Selbständigkeit werden zunichte gemacht. Sinnvoller wäre eine Art Kurzarbeitergeld, errechnet aus dem durchschnittlichen Einkommen der letzten Jahre. Die eingereichten Unterlagen würden auch zeigen, wer seinen Beruf ernsthaft ausübt, und es käme nicht zu einer Überförderung.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder