Flucht vor Verstümmelung – zwei Frauen aus Soltau erzählen

Braunschweig.  Die Produktion „Wanaset Yodit“ beim Festival Theaterformen beginnt harmlos – aber dahinter steckt eine harte Geschichte.

Yodit Akbalat (links) und Abir Omer erzählen beim Festival Theaterformen per Videoschaltung von ihrer Flucht aus dem Sudan. Dazu gibt es Kaffee mit Kadarmon.

Yodit Akbalat (links) und Abir Omer erzählen beim Festival Theaterformen per Videoschaltung von ihrer Flucht aus dem Sudan. Dazu gibt es Kaffee mit Kadarmon.

Foto: Florian Arnold

Der Kaffee schmeckt fremd und seltsam intensiv. Er sei mit Kardarmom versetzt, erklärt Abir Omer via Videoanruf. Die gebürtige Sudanesin sitzt mit ihrer Freundin Yodit Akbalat auf einem Sofa in ihrer neuen Heimat Soltau, wir hocken auf Bastkissen im Gartenhaus Haeckel im Braunschweiger Theaterpark. Vor uns stehen zwei winzige Kommoden, darauf einfaches Kaffeegeschirr und ein Bildschirm, über den wir kommunizieren.

Die Installation „Wanaset Yodit“ der ägyptischen Theatermacherin Laila Soliman (39) ist eine der Produktionen des Festivals Theaterformen, die trotz der Corona-Auflagen live und vor Ort zu erleben ist, wenn auch in stark abgespeckter Form. Das arabische Wort Wanaset bedeute so viel wie „Kaffeerunde“, erläutert der Programmzettel. Der Wortstamm wanas bezeichne die Freude, die man in Gesellschaft anderer empfindet.

Tanzen und Geheimnisse erzählen

Auf dem Bildschirm strahlt sie vor allem Abir Omer aus. Sie treffe sich täglich mit Yodit zum Plaudern, Tanzen, Geheimnisse austauschen, erklärt sie in flüssigem Deutsch.

Yodit beherrscht es noch nicht ganz so gut; sie blickt ernster drein. Ob wir Yodits Geschichte hören wollen?, fragt Abir? Na klar. Dafür müssen wir eine vorproduzierte Datei anklicken. Der Bildschirm wird schwarz, bis auf weiße Untertitel. Sie übersetzen die Geschichte von Yodits Flucht, die sie auf Arabisch erzählt.

Die Umstände sind dramatisch. Yodit schildert sie recht nüchtern und zugleich so unerschütterlich selbstbewusst, dass man eine Ahnung von der Willenskraft dieser Frau bekommt, ohne die so eine Odyssee wohl nicht durchzuhalten wäre. Sie ist schwanger, als sie 2015 aufbricht, mit ihrem Mann Ahmed, der Tochter und zwei Söhnen. Als Grund nennt sie „Probleme mit den Schwiegereltern“.

Flüchtlinge wie Streichhölzer gestapelt

Mit 35 anderen Flüchtlingen durchquert sie „wie Streichhölzer gestapelt“ in einem Schlepperfahrzeug die Wüste. Ein Flüchtling habe unterwegs durch einen Querschläger ein Auge verloren. In Tripolis werden sie auf ein Schiff gebracht, das kurz darauf vom IS gestoppt wird. Bärtige Männer hätten sie mit vorgehaltenen Waffen nach ihrem Glauben gefragt. Zum Glück kennt sie, die Christin, einige Koransuren.

Nach einigen Tagen kann die Familie entkommen und gelangt erneut auf ein Schiff nach Europa. Unterwegs breiten sich die Krätze aus. Irgendwie erreichen sie Italien, doch sie wollen weiter in den Norden, wo es besser sein soll. An der Grenze nach Frankreich werden sie von französischen Soldaten aggressiv gestoppt. „Dabei hatten wir immer gehört, in Europa wird niemand geschlagen.“ Tagelanges Ausharren an der Grenze. Dann gelingt es der Familie, eingeschlossen in eine Zugtoilette, nach Deutschland zu kommen. „Sie können die Tür jetzt öffnen. Sie sind in Sicherheit“, hätten Polizisten gesagt, erzählt Yodit am Schluss der Aufnahme.

Genitalverstümmelung? Für die Polizei im Sudan ein privates Problem

Erneuter Videoanruf der beiden Frauen. Habt ihr Fragen? Ja, schon. Diese lebensgefährliche Flucht nur aufgrund von Problemen mit den Schwiegereltern? Was waren das für Probleme? Abir übersetzt Yodits Antwort: Sie wollten ihre Tochter beschneiden lassen. Weibliche Genitalverstümmelung sei im Sudan noch immer verbreitet. Es gebe keine Chance, sie zu verhindern, es sei denn, man schütze die Tochter rund um die Uhr vor dem Zugriff ihrer eigenen Großeltern. Die Polizei sehe das als Privatproblem.

Das muss man erstmal sacken lassen. Wie lebt es sich so in Soltau?, fragen wir dann. Ganz gut, sagen die Frauen. Es gebe weniger nette Menschen, aber viele sehr freundliche und offene. Die Kinder seien gut integriert und fühlten sich heimisch, trotz mancher Sprüche wegen ihrer Hautfarbe. Sie lehre sie, stolz darauf zu sein, sagt Yodit.

Geschenk in der Kommode

Öffnet mal das Kommodentürchen, sagt Abir abschließend. Wir finden zwei Päckchen mit Kardamom-Kaffee, Weihrauchstäbchen und einen handschriftlichen Brief. Das ist nach der düsteren Genitalverstümmelungs-Auflösung der Fluchtgeschichte eine zweite, schöne Pointe. Die geflüchteten Familien beschenken uns, die Aufnahmegesellschaft.

Theatral ist nicht viel dran an dieser Theaterformen-Corona-Notproduktion. Aber die Dramaturgie stimmt, und menschlich wirkt sie nachhaltig. Daheim duftet es immer noch nach Weihrauch.

Für Samstag und Sonntag gibt es noch Karten unter theaterformen.de

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