Deichkind machen Spektakel in Braunschweig

Braunschweig.  Die Hamburger Elektro-Performer verwandeln die Volkswagen-Halle mit 6500 Fans in einen Anarcho-Pop-Spielplatz. Kunterbunt – aber nicht wirklich neu.

Deichkind erinnern in der Volkswagen Halle an die schrankenlose Fantasie der Hippie-Zeit.

Deichkind erinnern in der Volkswagen Halle an die schrankenlose Fantasie der Hippie-Zeit.

Foto: Daniel Reinelt

Am Ende geht es auf der Bühne zu wie auf einer Kinderfaschingfeier. Da hopsen Leute in Badekleidung, andere tragen Masken, Fliegerkappen oder Boxerhandschuhe, rollen einen Riesensmiley umher, bedienen eine T-Shirt-Kanone, machen Polonaise vor Trampolin und Hüpfburg. Es erinnert an die schrankenlose Fantasie der Hippie-Zeit, an Dylans Rolling-Thunder-Revue, Lindenberg und Zadek. Nicht zufällig läuft dazu ein Psychedelic-Klassiker, „White Room“ von Cream. Deichkind reihen sich in eine Tradition, wenn auch respektlos, derber und natürlich elektronischer.

Deichkind hat durchaus Kunstwert – teilweise

In der aktuellen Musikszene steht das Hamburger Kollektiv einzigartig da. Deichkind bezeichnen ihre Auftritte selbst als Show, und tatsächlich sind sie mehr Pop-Performance als Konzerte. Die drei Rapper und ihre Crew spielen keinerlei Instrumente, die Beats und Sounds kommen aus dem Rechner. Aber sie inszenieren jeden Song mit komplett selbst entworfenen Kostümen, Kulissen, technischen Gags und schrägen Choreographien. Das hat durchaus Kunstwert, teilweise, und Deichkind betonen diesen zu Beginn ihrer zweieinhalbstündigen Vorstellung in der rappelvollen Volkswagen-Halle auch fast demonstrativ. Sie projizieren minutenlang ein Video auf die verhängte Bühne. Es zeigt, wie Lars Eidinger an einem Seilzug emporgehoben und in einen gewaltigen Eimer mit blauer Farbe getaucht wird. Dann schleift der Seilzug den nackten Schauspieler durch den white Room (!), wie einen lebendigen Pinsel. Es mutet ein bisschen lustig, und auch ein bisschen grausam und befremdend an.

Das erste Drittel der Show greifen Deichkind die kühle weiß-blaue Ästhetik im Bühnenbild auf, bis hin zu den bandtypischen fahrbaren Kulissenobelisken. Sie performen Songs von ihrem gelungenen aktuellen Album „Wer sagt denn das?“. Es ist der gereifte Deichkind-Parolen-Stil. Klug und witzig spießen sie scheinbar nichtssagende Sprüche auf wie „Richtig gutes Zeug“ (“,Brauner Bär’, richtig gutes Zeug Kennt ihr ,Matrix’? Geiler Film, Mann / Hat mir wirklich gut gefallen, ja gut, gut, gut“) oder „Dinge“ (“Dinge machen schön / Dinge kaufen / Dinge aus Gold / Dinge laufen“). Dazu bumsen fette Bässe und wuchtige Elektro-Sounds. Der Deichkind-Kern aus Philipp Grütering und Sebastian Porky Dürre agiert fast immer gemeinsam mit vier, fünf Co-Akteuren, uniformiert in weißen, selbst kreierten Kostümen. Kapuzen oder Hüte unterstreichen Entpersönlichung und Kollektivierung.

Beeindruckend kunterbunt – aber nichts Neues im Deichkind-Kosmos

Die Gruppe tanzt in putzig choreografierten, oft maschinenhaft stapfenden Formationen. Beim Song „Endlich autonom“, der ironisch den Fortschritt automatisierter Mobilität feiert, fällt sie am Ende im flackernden Gegenlicht in die Steinzeit zurück und übereinander her. Eine ziemlich deutliche Karikatur.

Doch meist bleibt der Deichkindsche Ausdruckstanz eher abstrakt und auch ein wenig ziellos, und die schlicht weißen Kulissen knallen nicht so, wie man das von früheren Inszenierungen der Hamburger her gewohnt ist. Die Gruppe scheint das im zweiten Drittel der Show abrupt nachliefern zu wollen und haut in bunteren Bühnenbildern plötzlich atemlos Hits à la „Leider Geil“ und „Bück dich hoch“ raus. Es folgt ein Rückgriff in die früheren, Hip-Hop-beeinflussteren Jahre. Bevor Deichkind nochmal aus dem Vollen schöpfen, im Riesenfass durch die Menge rollen und die Reihe ihrer derben Trinklieder anstimmen.

Die Bässe donnern stumpf, und musikalisch würde die stampfende Monotonie einem langsam auf die Nerven gehen – wenn die Band jetzt nicht auf der Bühne die finale Wundertüte an Action auspacken würde, vom vielköpfigen Tanz auf Trampolinen bis zum Schlauchbootfahren auf der siedenden Menge. Schon beeindruckend kunterbunt. Dennoch nichts ganz Neues im Deichkind-Kosmos, so unverwechselbar, popkulturell wertvoll und liebenswert das Elektro-Theater der Band auch bleibt.

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