Ex-Glam-Rocker Joska Lehtinen singt in Braunschweig Oper

Braunschweig.  Der Finne Joska Lehtinen debütiert als Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ am Staatstheater Braunschweig.

Der Tenor Joska Lehtinen ist neu am Staatstheater Braunschweig.

Der Tenor Joska Lehtinen ist neu am Staatstheater Braunschweig.

Foto: Andreas Berger

Was ein echter Finne ist, der geht zum Studieren nach Italien, in Sonne, Licht und Lebensart. Joska Lehtinen, der seit dieser Saison am Staatstheater Braunschweig engagiert ist und am Freitag in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ debütiert, hat erst über Umwege zur Oper gefunden und in Palermo studiert. Dass er für seine Sängerlaufbahn viel reisen musste und muss, ist ihm aber nur recht: „Das ist vielleicht das alte Seefahrerblut“, sagt er lachend und fügt bescheiden hinzu, dass es ihm auf See eher nicht so wohl sei.

Aber rumzukommen, mal bei den nach Kalabrien ausgewanderten Eltern, mal auf Gastspiel in Helsinki, dem Opernfestival von Savonlinna oder am Moskauer Bolschoi-Theater mitzuwirken, gefällt ihm. Nachdem er in Sizilien vor allem italienisches Repertoire gelernt hatte, kam in Regensburg und Nürnberg das deutsche Fach hinzu. Die Sprache spricht er sehr schön.

Schon die Eltern waren in Turku Musiker des Philharmonischen Orchesters, und so wuchs Lehtinen immer mit klassischer Musik auf. Geigenunterricht bei Mama – nicht ideal. Natürlicher Reflex: Er wechselte zur Gitarre und trat einer Rockband bei. Glam-Rock mit Schminke und Flitter, da mochte schon etwas Theaterlust mitspielen. Als er sich Tipps fürs Singen holen wollte, hat ihn der Haustenor festgehalten: „Es lohnt, deine Stimme auszubilden. – Bariton? – Nein, Tenor!“ Lehtinen hat sich dann erstmal ein „Tosca“-Video geholt und fand’s faszinierend. „Ich begann in Helsinki zu studieren, dann habe ich all meine Sachen verkauft und bin nach Palermo übergesiedelt. Zum Singen gehört Sonne!“

Besonders gern hat er Partien von Bellini gesungen, holte an der Komischen Oper Berlin lyrische Rollen wie Mozarts Don Ottavio nach und hat es an der Oper Ulm bis zum jugendlichen Heldentenor Erik in Wagners „Fliegendem Holländer“ gebracht. Er wolle aber weiter auch leichtere Partien singen, damit die Stimme flexibel bleibe, betont er.

„Ich singe gern die hohen Töne, aber mich interessieren jetzt zunehmend die Gefühle, nicht die Virtuosität“, sagt der 38-Jährige. Der Einstieg in Braunschweig mit Rodolfo in „La Bohème“ und Gounods Faust sei für ihn genau richtig gewesen. Und Tschaikowsky fühlt er sich als Finne nahe. „Russland und Finnland haben verwandte musikalische Seelen. Da ist immer tiefe Leidenschaft und viel Traurigkeit“, findet Lehtinen, der in der Oper den Lenski singt. Der fordert seinen Freund Onegin zum Duell, weil er glaubt, der habe mit seiner Verlobten Olga angebändelt. In dem Duell stirbt er. Zeitgemäß? „Wir spielen das wie sehr junge Menschen, die voll ihren Gefühlen leben. Lenski nimmt alles sehr heftig, ist schnell von null auf hundert“, erzählt der Tenor. Die Eifersucht führe zur Überreaktion, und nachher kämen die Jungs einfach aus der Nummer nicht mehr raus, obwohl sie wollten.

In einigen Deutungen führt Onegins gesellschaftsbedingt uneingestandene Homosexualität zu diesem Missverständnis. Hätte er sich Lenski offenbart, wüsste der, dass Onegin Olga nicht ernsthaft begehrt. „Unser Lenski liebt Olga einfach so übertrieben stark und besitzergreifend, dass er nichts anderes mehr begreift“, sagt Lehtinen.

Wenn nicht für die Oper geht der Tenor als Fußballfan auf Wanderschaft. „Ich mag den 1. FC St. Pauli und bin gern dort im Stadion, weil die Fans so offen und lustig sind. Mein Lieblingsplakat: ,Gewinnen ist doof!’“ Auch bei Eintracht hat er schon zugesehen. Die Gesänge gingen ihm aber noch nicht von den Lippen. Das Einzige, was er vermisst in Deutschland, sind die Saunen. „In Finnland hat jede Wohnung eine, und wir werden schon mit eins in die Wanne gesetzt.“

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