Die verdammte Pflicht zur Toleranz

„War Heinrich, der Ur-Welfe, der mächtigste Braunschweiger aller Zeiten, wirklich tolerant?“

Die Vorgabe der Chefredaktion lautet: „Wir sind hier eigentlich schon immer weltoffen. Ein Streifzug über braunschweigische Toleranz von Heinrich dem Löwen bis…“

Da stockt die Feder schon. War Heinrich, der Ur-Welfe, der mächtigste Braunschweiger aller Zeiten, wirklich tolerant? Etwa, als er Mitte des 12. Jahrhunderts gegen die Slawen zu Felde zog, um die Heiden im Osten zu bekehren und seinen Herrschaftsbereich zu vergrößern? Oder als er 1189 die Stadt Bardowick bis auf die Grundmauern niederbrannte, weil sie ihm auf dem Weg ins englische Exil die Aufnahme verweigert hatte? Nur zwei Beispiele.

Wir wollen hier nicht den Stab über Heinrich brechen. Das wäre völlig ahistorisch. Toleranz war im Mittelalter überhaupt kein Wert. Man muss nur mal nachlesen, wie blutrünstig die christlichen Kreuzfahrer mit den „Ungläubigen“ im Heiligen Land verfuhren – und gewiss waren, dafür ins Himmelreich zu kommen. Es gab Toleranz schlichtweg nicht. Es ging um die Ausbreitung des Christentums und den Ausbau der eigenen Macht. Das eine sanktionierte das andere.

Dass wir hier „schon immer weltoffen“ gewesen seien, ist eine schwerlich zu beweisende These. Der Braunschweiger an sich ist ja nicht a priori toleranter als irgendwelche anderen Völkerstämme.

Wenn freilich in unserer Region das Wort „Toleranz“ fällt, dann wirft sich der Lokalpatriot gern in die Brust und stößt stolz einen Namen und einen Titel aus: Gotthold Ephraim Lessing. Und: „Nathan der Weise“. Tatsächlich entstand das größte Toleranz-Drama der deutschen Literatur im braunschweigischen Wolfenbüttel. Verfasst vom dortigen Herrn der Bücher in der bis heute weltberühmten Herzog-August-Bibliothek.

Doch liegt die Sache nicht so einfach. Lessing schuf dieses allzeit aktuelle Werk, das für die Gleichberechtigung von Juden, Christen und Muslimen im friedlichen Wettstreit um Menschlichkeit wirbt, nicht aufgrund der Toleranz seines braunschweigischen Herzogs, sondern trotz desen Intoleranz.

Als Lessing nämlich seine theologische Auseinandersetzung mit dem orthodoxen Hamburger Pastor Goetze 1778 herausgab, befürchtete die Obrigkeit die Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Daraufhin verhängte der Herzog eine Zensur über seinen Angestellten. Lessing war es nicht mehr erlaubt, Schriften mit religionskritischem Inhalt zu veröffentlichen.

Der Bibliothekar reagierte trotzig: „Ich muss versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört wird predigen lassen.“ Das machte er dann auch. So wurde das dramatische Gedicht vom weisen Juden aus der Not geboren.

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Lessing beklagte sich in Briefen gern über die angebliche Einöde und Weltabgeschiedenheit des provinziellen Städtchens. Das freilich war wohl vor allem der Spott- und Ätzlust des begnadeten Polemikers zuzuschreiben. Zwei Braunschweiger Germanisten wiesen jüngst nach, dass Lessing hier durchaus auf ein anregendes, liberales, weltoffenes Diskussionsklima traf. Das sei vor allem einer Reihe bedeutender Professoren des 1745 gegründeten Collegium Carolinum zu verdanken, des Vorläufers der heutigen Technischen Universität. Diese hätten Braunschweig „zu einem Zentrum der frühen Aufklärung gemacht“. Wilhelm von Humboldt nannte das Braunschweig des späten 18. Jahrhunderts eine Stadt der Zukunft, in der „vielfältiger, moderner und experimenteller gedacht wurde als andernorts im Deutschen Reich“.

Festhalten lässt sich, dass Braunschweig seit jeher über ein besonders selbstbewusstes Bürgertum verfügt hat. Nachdem es sich wirtschaftlich und politisch gegen die verschiedenen Herzöge durchgesetzt hatte, wurde die Stadt 1432 quasi reichsunmittelbar. Die Herzöge hatten dort nichts mehr zu sagen. Sie verlegten ihre Residenz nach Wolfenbüttel. Von dort versuchten sie 250 Jahre lang vergeblich, Braunschweig für sich zurückzuerobern. Die Stadt blühte unterdessen zum führenden Zentrum des Welthandelsverbundes Hanse.

Auch als die Herzöge wieder da waren, blieben die Braunschweiger rebellisch. 1830 zündeten sie einem besonders prunksüchtigen, raffgierigen Herrscher sein Schloss unterm Hintern an und vertrieben ihn – die einzige wirksame Revolte gegen den deutschen Feudalismus im 19. Jahrhundert.

An dieser Stelle müssen freilich zwei Namen ins Spiel kommen, ohne die eine Auseinandersetzung mit der Toleranz in Braunschweig nicht redlich wäre. Der eine, Dietrich Klagges, war ein Nazi der ersten Stunde, der als Innenminister des Freistaats Braunschweig bereits vor der Machtergreifung im Reich ab 1931 Terror verbreitete. Die Stadt wurde zum Aufmarschgebiet der NSDAP. Der andere Name ist Adolf Hitler, der in Braunschweig 1932 zum Regierungsrat ernannt wurde, um dem damals Staatenlosen die Kandidatur zum Reichspräsidenten zu ermöglichen.

Wie konnte das sein? Wie konnte ein selbst- und weltbewusstes Bürgertum, das ja auch geprägt war von so menschenfreundlichen, toleranten und herrschaftskritischen Schriftstellern wie Wilhelm Raabe und Ricarda Huch, sich derart dem braunen Ungeist ergeben? Der Braunschweiger Politologe Ernst-August Roloff (dessen Vater selbst ein glühender Nazi war) versuchte eine Erklärung, die ins Jahr 1918 zurückgeht. Damals sei das gediegene Bürgertum derart geschockt worden von der sozialistischen Revolution unter dem Schneidermeister August Merges, dass es sich in der erschütterten Sehnsucht nach Stabilität bereitwillig den Rechten in die Arme geworfen habe.

Und nun? Anlässlich des AfD-Parteitags in der Stadt schrieb jüngst der gebürtige Braunschweiger und heutige Wirtschaftsprofessor in Kanada, Klaus Meyer: „Wer in dieser Stadt aufgewachsen ist, kennt ihre Geschichte und ist deshalb besonders sensibel.“ Gegen den Parteitag demonstrierten denn auch mehr als 20.000 bunte Bürger. So schöpfen wir Braunschweiger die Toleranz leider nur zum Teil aus historischer Überlieferung. Aber wir haben sie auf jeden Fall als historischen Auftrag begriffen.

Martin Jasper leitet das Kulturressort der Braunschweiger Zeitung. Er kam 1985 aus dem

Bergischen nach

Braunschweig und

ist im Braunschwei-

ger Land mit seiner Familie heimisch

geworden.

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