Herbert Pixners Musik passt in keine Schublade

„Progressive Folk“ nennt Pixner seine wilde Mischung aus Musikstilen. Der Südtiroler begeistert Tausende – inzwischen auch in Norddeutschland.

Der Südtiroler Herbert Pixner ist Multi-Instrumentalist, Komponist erfolgreich in der Progressive Folk/Weltmusik.

Der Südtiroler Herbert Pixner ist Multi-Instrumentalist, Komponist erfolgreich in der Progressive Folk/Weltmusik.

Foto: Günther Egger / www.guentheregger.at

Der gebürtige Südtiroler Herbert Pixner (44) gilt als einer der kreativsten und eigenwilligsten Musiker des Alpenraums. Mit seinem „Herbert Pixner Projekt“ hat der Multi-Instrumentalist und Komponist einen ganz eigenen Sound geschaffen: Herbert Pixner (Steirische Harmonika, Klarinette, Saxophon, Trompete, Flügelhorn), Heidi Pixner (Tiroler Volksharfe), Manuel Randi (Gitarren) und Werner Unterlercher (Kontrabass) atomisieren Genre-Grenzen. 2016 kamen 100.000 Besucher zu ihren Konzerten, in diesem Jahr treten sie 77-mal bei Festivals und in den großen Konzertsälen Deutschlands, Österreichs, Italiens und der Schweiz auf. Ihre inzwischen zehn Alben standen bei Amazon in der Kategorie Weltmusik ganz vorne.

Am 20. November gastiert das Herbert Pixner Projekt mit den Berliner Symphonikern bei der „Symphonic Alps Tour“ im Theater am Aegi in Hannover. Wir sprachen vorab mit Herbert Pixner über Auftritte im Norden, die Quellen seiner Inspiration und seine aktuelle Tour mit großem Orchester.

Lieber Herr Pixner, vermissen Sie die Berge, wenn Sie bei uns im Norden sind?

Ich bin gerne unterwegs, jede Gegend hat ihren Reiz. Doch wenn ich länger weg bin, dann vermisse ich die Berge schon.

Sie kommen aus Südtirol, haben 15 Almsommer als Senner gearbeitet, sind inzwischen zweifacher Vater und leben mit ihrer Familie in einem Dorf bei Innsbruck. Wo ist Ihr Zuhause?

Wir haben zehn Jahre in in der Stadt gewohnt, kürzlich sind wir in das kleine Bergbauerndorf Gnadenwald gezogen. Ich bin viel unterwegs und freue mich, einen Rückzugsort zu haben, an dem ich daheim bin.

In Österreich und Süddeutschland haben Sie eine große Fangemeinde. Wie ist Ihre Beziehung zum Publikum nördlich des Weißwurst-Äquators?

Ich empfinde das Publikum in Norddeutschland als sehr interessiert. Wir machen Instrumentalmusik, sind also nicht von Songtexten abhängig. Die Leute lassen sich sich unabhängig von der Region auf unsere Musik ein. Seit drei, vier Jahren sind wir auch im Norden unterwegs – und haben viele schöne Erinnerungen an diese Konzerte.

Wo spielen Sie lieber: Open Air an einem Bergsee auf über 2000 Metern oder in der Hamburger Elbphilharmonie?

Natürlich ist die Architektur der Elphi sehr imposant, aber die Gipfel und der Blick über das Tal sind das auch. Doch wichtiger als die Lokalität ist, dass man mit hundertprozentiger Energie ein Konzert spielt und dass sich das Publikum vom ersten Ton an auf die Musik einlässt – ganz egal, ob in einem kleinen Club, in der Philharmonie oder Open Air.

Auf Ihrer Website nennen Sie Ihren Stil „feinste handgemachte Musik aus den Alpen“. Wie würden Sie unseren Lesern Ihre Musik beschreiben?

Das ist schwierig, man muss es mal gehört haben. Unser Instrumentarium ist traditionell alpin, und wir versuchen, immer wieder neue Klangbilder zu formen. Vielleicht ist es eine Art alpine Weltmusik – oder Progressive Folk?

Ihr Stil passt jedenfalls in keine Schublade. Sie mischen Volksmusik mit Jazz und Blues, Funk und Rock. Woher kommt diese Lust, Genregrenzen so beherzt zu überschreiten?

Für mich ist Musik ein Ventil: Ich verarbeite meine Erlebnisse, angefangen von der Kindheit. Alle Einflüsse, die mich geprägt haben, bringe ich in die Musik ein. Da kann es mal eine Funk-Nummer werden oder ein psychedelisches Stück. Wir machen einfach, was wir fühlen.

Im Stück „Centro Lire“ beschreiben Sie ihr Gefühl als Bub, wenn Sie sich sonntags für 100 Lire ein Wassereis kaufen durften. Wie war diese Kindheit auf dem Bergbauernhof im Passeiertal?

Es war eine sehr schöne Kindheit, wir haben unglaublich viel Zeit in der Natur verbracht. Es war auch hart, weil wir Kinder früh auf dem Hof helfen mussten. Aber ich denke gerne zurück und empfinde es als Glück zu wissen, wie man eine Sense dengelt oder eine Kuh melkt. Ich bin einfach und bodenständig aufgewachsen, und mir ist klar, dass Erfolg mit der Musik nicht selbstverständlich ist.

Nachdem Sie in der örtlichen Musikkapelle Klarinette gelernt hatten, haben Sie sich als 15-Jähriger selbst Steirische Harmonika beigebracht. Was reizt Sie an diesem traditionellen Tasteninstrument, das landläufig als Inbegriff von Volkstümelei und Schlagerkitsch gilt?

Damals fuhr ich eine frisierte Vespa, hörte AC/DC und Metallica und fand zunächst mal alles Traditionelle total uncool. Doch dann hatte ich ein Schlüsselerlebnis: Im Dorfwirtshaus hörte ich zwei junge Musikanten, die wirklich gut Steirische spielten. Das groovte richtig und klang unglaublich spannend! Ich erkannte schnell: Wer Harmonika spielen kann, ist in Südtirol der King. Aber ich wollte nicht die „Zillertaler Schürzenjäger“ spielen. Mich interessierte, wie die alten Musikanten gespielt haben, ich wollte an die Wurzeln. Dadurch galt ich im Tal schnell als Paradiesvogel.

Was hat Sie stärker geprägt: die Stubenmusik Ihrer Kindheit, die Episode als Barmusiker in Colorado oder Ihr Musikstudium am Kärntner Landeskonservatorium?

Ich habe alles aufgesogen und ausprobiert: traditionelle Volksmusik, Blasmusik, klassische Musik, Theatermusik, zeitgenössische Musik, Rock, Blues... Colorado war sehr spannend – mit Jam Sessions abends in den Kneipen. Auch im Studium habe ich unglaublich viel gelernt und viel gemacht: etwa als Klarinettist im sinfonischen Blasorchester gespielt oder bei Combos spontan ausgeholfen. Ich musste im kalten Wasser schwimmen, improvisieren können, das war sehr lehrreich.

Das Leitmotiv Ihres aktuellen Albums „Lost Elysion“ beschäftigt sich mit dem Motiv des verlorenen Paradieses. Wollen Sie damit eine politische Aussage transportieren, etwa für mehr Umweltschutz werben?

Auf jeden Fall. Es ist wichtig, eine Position zu beziehen; wer sich nur nach dem Wind dreht, ist zu bequem. Mich beschäftigt die Frage, warum wir die Natur des Kapitalismus wegen kaputt machen. Die Alpen sind am Limit, wir brauchen keine neuen Skigebiete. Oder wieso können wir nicht einfach friedlich zusammenleben? Die Diskussionskultur ist verloren gegangen, wir sollten wieder mehr miteinander reden, statt in sozialen Netzwerken Hasstiraden zu verbreiten. Ich bin zwar kein Musiker, der auf der Bühne politische Ansprachen hält oder belehrt, aber in meinen Ansagen und in der Musik transportiere ich Dinge, die mir wichtig sind. Wer es hören will, spürt es.

Bei der „Symphonic Alps Tour“ spielt Ihr Quartett erstmals mit einem Sinfonieorchester zusammen. Was macht das Zusammenspiel mit den Berliner Symphonikern aus?

Es ist für uns ein sehr imposantes Erlebnis, unsere Stücke mit einem 40-köpfigen Klangkörper ganz neu zu gestalten. Wir haben großen Spaß dabei!

Wer hat Ihre Kompositionen neu arrangiert?

Das habe ich innerhalb von neun Monaten gemeinsam mit zwei jungen Arrangeuren – Jakob Wagner aus Linz und dem Südtiroler Alex Trebo – gemacht. Wir mussten die Balance zwischen Quartett und Orchester finden, damit es nicht zu überladen wird.

Bei einer tanzbaren Nummer wie „Gernstls Quattro“ kann ich mir das gut vorstellen. Wie harmoniert es es mit dem großen Orchester bei eher ruhigen, leisen Stücken wie „Morgenrot“?

Da setzt dann nicht das komplette Orchester ein, sondern die Streicher weben einen Klangteppich für uns. Das Orchester hebt alle Stücke auf eine andere Stufe.

Wer das Herbert Pixner Projekt hört, gewinnt den Eindruck, dass Sie, Ihre Schwester Heidi, Manuel Randi und Werner Unterlercher perfekt eingespielt sind. Wie empfinden Sie Ihr Miteinander?

Es passt einfach, menschlich und musikalisch. Inzwischen haben wir über 1500 Konzerte in den Fingern. Jeder kennt die anderen genau, mit Manuel ist es schon fast Telepathie. Wir können viel improvisieren, jedes Konzert neu gestalten. Das funktioniert sogar mit dem Orchester, auch jetzt gibt es Raum für Improvisation.

Was planen Sie im nächsten Jahr, wenn das Herbert Pixner Projekt 15 wird?

Wir gehen mit einem Jubiläumsprogramm auf Tour und veröffentlichen ein neues Album und weitere Auskopplungen. Es gibt so viele Ideen in der Schublade, die langen für die nächsten zehn Jahre. Wir haben es ja selbst in der Hand, sind nicht an Vorgaben eines Labels oder Produzenten gebunden. Egal ob Tourplanung oder Produktionen – wir machen alles selbst.

Wäre Ihr Weg einfacher gewesen, wenn Sie sich dem Mainstream angepasst und einen Produzenten gesucht hätten?

Sicher ist es ist es schwieriger, kommerziell erfolgreich zu sein, wenn man in kein Genre passt. Wie sehr man sich dem Mainstream unterordnet, ist eine Charakterfrage. Seit 2009 können wir von unserer Musik leben, doch es bleibt ein schmaler Grat: Du musst verkaufen – und du willst authentisch sein, auf der Bühne Spaß an deiner Musik haben. Das haben wir in den vergangenen Jahren beides relativ gut geschafft.

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