Oper über den Tod hatte in Braunschweig Premiere

Braunschweig.   Aribert Reimanns „L’Invisible“ gelingt am Staatstheater musikalisch suggestiv, bleibt aber szenisch unterkühlt.

Szenen aus „L'Invisible“ von Aribert Reimann.

Szenen aus „L'Invisible“ von Aribert Reimann.

Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

Vor allem ist diese Oper ein Fest der Stimmen. Das Staatstheater bringt Aribert Reimanns „L’Invisible“ als zweites Haus und weiß damit musikalisch Staat zu machen. Wenn Jelena Bankovic ihren frei flutenden Sopran mühelos bis in höchste Höhen schraubt, ihm auch bei Koloraturen und Tonsprüngen eine angenehm weiche Fülle gibt, ist das nicht nur feinste Gesangskunst, sondern charakterisiert auch aufs schönste die fürsorgliche Schwester, die besonders im dritten Teil als Ygraine für ihren vom Tod bedrohten kleinen Bruder eintritt.

Und die Todesboten singen die drei Countertenöre Zvi Emanuel-Marial, Konstantin Derri und Rik Willebrords mit so herrlich harmonierenden, wie im Madrigal geführten Stimmen, dass man ein Gefühl dafür bekommt, dass des Todes Gefährlichkeit weniger im Erschrecken als in der Hingabe, in der widerstandsbrechenden Erlösung liegt.

Samuel Levines Tenor als Onkel wird zusehends geschmeidiger, Zenyi Hou und Dorothea Spilger ergänzen mit satten Mezzi. Dazu erden Vincenzo Neri mit kräftigem Bariton als Vater, und Jisang Ryu mit substanzvollem Bass als Alter die dreiteilige Handlung, in der Aribert Reimann auf Dramentexte von Maurice Maeterlinck vom Eindringen des Todes in die Wirklichkeit erzählt. Er ist zwar „L’Invisible“, der Unsichtbare, der im ersten Stück schon im Zimmer west, ohne dass ihn die Lebendigen erkennen, aber er ist musikalisch spürbar in einer befremdenden, trostlosen, beunruhigenden Stimmung, die das Orchester verbreitet.

Das Staatsorchester ist hinter den Sängern auf der Bühne platziert, so dass die Klänge von weiterher kommen, aber das mit großer klanglicher Präsenz. Srba Dinic gewährt ihnen eine gewisse Süffigkeit, das ist sehr angebracht und unterstützt den Todessog, den Reimann in seiner Trilogie von Stück zu Stück steigert. In „L’Intruse“ (Eindringling) wird einem nur von klopfenden Bögen und wogenden Streichern die sphärische Stimmung injiziert, in Glissandi der Boden unter den Füßen weggezogen. Tod der Mutter und Schrei des Neugeborenen treffen im Cluster zusammen, den zum ersten Mal Holzbläser steigern.

In „L’Intérieur“ muss die Botschaft vom Tod der Tochter überbracht werden, hier sorgen nun die Holzbläser allein für das mystische Kolorit. Während im „Tod des Tintagiles“ dann alles nach und nach zusammenkommt, auch Pauken, Gong, Hörner, ein dramatisches, immer wieder ausgebremstes Crescendo, das den Kampf Ygraines und ihrer Schwester um das Leben des kleinen Tintagiles spürbar macht, auch wie ihnen die harfenumspielten Counter als Todesboten den Knaben letztlich sanft entwinden. Das ist von verführerischer Klanglichkeit und doch stets so beunruhigend in der Farbgebung, zuweilen auch Dissonanz, dass es einem leise Schauer verursacht. Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen. Reimann bringt es uns suggestiv zu Gehör.

Auf der offenen Bühne von Marc Weeger mit einem begehbaren Viereck als Zentrum herrscht derweil undurchschaubares Gewusel. Regisseurin Tatjana Gürbaca, auch an großen Häusern gefragt, will das Stück als Versuchsanordnung erzählen. Das wird eigentlich erst aus dem Programmheft verständlich, wonach die Countertenöre als Todesboten hier gleich Regisseuren das Geschehen arrangieren sollen. Nach Probebühne sieht das Ganze tatsächlich aus, auch verteilen die Counter anfangs Namenschilder und scheuchen vielfach die Figuren wieder zusammen. Auf den famosen Moritz Gildner als Knabe machen sie regelrecht Jagd. Aber als ordnende Hand sind sie nicht so recht zu erkennen.

Warum die Figuren manchmal Schilder mit Regieanweisungen hochhalten müssen, der Junge mal ein Junge, mal eine Puppe ist und sich am Ende alle in rote Fäden verheddern, bleibt eher schleierhaft. Die Grenzen von innen und außen, Mitspielern und gerade nicht Beschäftigten werden nicht respektiert, was verwirrend ist. Das von Reimann so suggestiv beschworene Geheimnis des Todes, der unabweisbar und „invisible“ zu seinen Opfern dringt, wird in diesem Trubel konterkariert. Der Tod ist eben kein Experiment, sondern unwiderlegliches Verhängnis.

Trotzen kann ihm nur Erinnerung: Hin und wieder stellen die Figuren stumme Familienbilder. Momente liebevoller, wenn auch vergänglicher, aber im Herzen haftender Gemeinschaft – nur hier schafft Gürbaca etwas Rührung.

Viel Applaus und Bravos im nicht eben vollen Großen Haus, dafür in Anwesenheit des Komponisten.

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