Fantastisches Theater der Grausamkeiten in Braunschweig

Braunschweig.   Das Theater Grand Guignol spielt im Braunschweiger Lindenhof ein verstörend direktes Stück über den Kindermörder Bartsch.

Marcus Hering (links, Kroki) und Luis Lüps (Kasper).

Marcus Hering (links, Kroki) und Luis Lüps (Kasper).

Foto: Simon Paul Schneider / Grand Guignol

Es ist erschreckend gut gespielt. Jede Figur gewinnt trotz der dem Kasperltheater entnommenen Spielform glaubhaft psychologische Kontur. Aber man verlässt den Lindenhof mit einem Gefühl der Beklemmung, das nur langsam nachlässt. Das neu gegründete Ensemble Grand Guignol hat sich zum Start den denkbar grausamsten Stoff vorgenommen: die Biografie des Jürgen Bartsch, der in den 60ern als vierfacher Kindermörder bekannt wurde.

Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte, auch wenn der Abend so anfängt. Im Traum werden die Puppentheaterfiguren lebendig und spielen eine Horrorfantasie. Die kleine Bühne des Lindenhofs ist dafür zum halbhohen Kasperltheater umgebaut, worauf die menschlichen Darsteller immer nur vom Bauch an aufwärts zu sehen sind. Was darunter ist, bestimmt freilich trotzdem die Handlung, wird aber verdrängt wie vieles in Bartschs Leben. Er kommt als Kasper mit Mütze und Schlafanzug daher, ungefähr im Pubertätsalter, ein ganz hübscher, netter Gesell, der das lieblose Verhalten seiner Adoptiveltern, eines bigotten Schlachterpaars, erstaunlich klar benennt.

Er darf nicht mit Gleichaltrigen spielen, sich nicht schmutzig machen, erinnert sich an die Kindheit im vergitterten Keller, streckt vergeblich die Hände nach einer Umarmung aus. Die Mutter wäscht ihn lieber, widmet sich dabei ausführlich seinem „Zipfel“, schlägt ihn auf den nackten Hintern. Der Vater schwärmt von Wurstverkäuferinnen mit dicken Titten. Im Internat wird Kasper vom lüsternen Pater missbraucht. Aussprechen kann sich der Junge nur mit der Puppe Prinzessin Klaus und Kroki, dem Plüschkrokodil. Ihnen kann er, wie in der Psychoanalyse, Intimes anvertrauen, an ihnen lässt er auch angestaute Aggressionen aus.

Marcus Hering spielt mit Kumpelton den Kroki, der ihn zu Eierlikör und Rummelplatzbesuchen animiert. Spät erst durchschaut er, was aus dem Ruder läuft, während Annegret Taube als Prinzessin Klaus schon früher mäkelt und warnt.

Mit derbem Ruhrpotton gibt Nina El Karsheh die Mutter, die offenbar Lust an der Berührung des Adoptivsohnes hat, ihn dafür mit Schlägen bestraft. Die Ehe mit dem Schlachtermeister (prima auch in anderen Rollen: Nikolaij Janocha) läuft spürbar nicht.

Den Kasper alias Bartsch spielt Luis Lüps mit eindrucksvoller Intensität. Er wäre so gern ein normaler Junge. Seine homosexuellen Neigungen werden ihm als Sünde aufgebürdet. Mit einsetzender Pubertät wünscht er sich: „Ein Leben lang kurze Hosen tragen“ (so auch der Stücktitel). Doch den Knaben gibt er nicht Liebe, sondern lässt an ihnen sadistisch seine Gewaltfantasien aus, Rache womöglich für selbst Erlittenes. Bis zum Mord.

Hier wird Simon Paul Schneiders hervorragender Text fast unerträglich. Wenn eine Kinderstimme aus dem Off fleht, „mir ist kalt, lass mich gehen“, steht einem alles Schreckliche bereits unter die Haut gehend vor Augen. Die Gefahr, Bartsch nur als Opfer zu sehen, ist gebannt.

Leider gehen Schneider und Katharina Binder in ihrer Regie noch weiter. Nach der (unnötigen) Pause lassen sie, nun ohne den Kaspertheateraufbau, Kasper mit einer Puppe eine Vergewaltigung nachspielen, unerträgliche Schreie aus dem Off. Unverständlich, warum sie diese Szene für nötig hielten. Folgen Anklage und Tod auf einer Art Kreuz (Bartsch starb aufgrund eines Narkosefehlers bei der Kastration).

Eine explizite Szene weniger, und das Stück wäre nicht weniger aufrüttelnd und verstörend gewesen. Harte Kost ist es auf jeden Fall, wenn auch hervorragend gemacht.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder