Überlebende Zofia Posmysz: Aus Auschwitz kehrt man nie zurück

Braunschweig.  Die KZ-Überlebende Zofia Posmysz sprach im Staatstheater vor der Oper, die auf ihren Lebenserinnerungen beruht, mit VW-Auszubildenden.

Zofia Posmysz mit Leszek Szuster von der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz als Übersetzer im Staatstheater.

Zofia Posmysz mit Leszek Szuster von der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz als Übersetzer im Staatstheater.

Foto: Andreas Berger

Um den Hals trägt sie noch immer das Amulett, das ihr der KZ-Mithäftling Tadeusz einst zum Abschied schenkte, bevor er in Auschwitz ermordet wurde: Zofia Posmysz holt es hinter ihrem bunten Halstuch hervor und zeigt es den jugendlichen VW-Auszubildenden, die vor kurzem das KZ Auschwitz besucht haben. Und den Mitwirkenden der Oper „Die Passagierin“, die ihr Schicksal behandelt und am selben Abend im Staatstheater Premiere haben wird. Die 95-jährige Dichterin und KZ-Überlebende hat soeben von ihrem Glauben gesprochen, der sie durch alle noch so schwere Zeit getragen hat. Sie hat damit einen Appell verbunden an alle Eltern, ihren Kindern den Glauben an Gott nicht zu verstellen. Zugleich entschuldigt sie sich, dass sie andere Lebenskonzepte damit nicht angreifen wolle. „Aber ich kann nur von meiner Erfahrung erzählen“, sagt die polnische Katholikin, die einst für ihre Überzeugungen ins KZ kam.

Auf dem Amulett ist ein Christuskopf eingraviert. Und der Schriftzug „Auschwitz 1943“. Christoph Heubner, Vizepräsident des Auschwitz-Komitees und seit Jahren an der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz tätig, erläutert den Hintergrund des Schmuckstücks: „Die SS-Leute zwangen KZ-Häftlinge, den Schmuck der Inhaftierten einzuschmelzen, und ließen daraus Schmuck für die Nazi-Oberen herstellen. Tadeusz hat heimlich diesen Anhänger geschaffen und Zofia geschenkt.“ Die Episode findet sich auch in der Oper von Mieczyslaw Weinberg.

Es ist auch für die Ensemblemitglieder sehr bewegend, die Frau, deren Schicksal sie auf die Bühne bringen, an jenem Morgen live im Spohr-Saal des Staatstheaters zu erleben. Als Zofia Posmysz ein ukrainisches Volkslied über Wildkirschen anstimmt, kommen einer polnischen Chorsängerin die Tränen. Die zarte alte Dame erzählt zunächst ernst, aber sehr lebendig und wird immer gelöster. Fürs Übersetzen sorgen Leszek Szuster, Direktor der Jugendbegegnungsstätte, und Falk Altenberger von der Adenauer-Stiftung. An den Begegnungs-Abenden mit Zofia Posmysz in Auschwitz würde immer auch Wein getrunken und gesungen, berichten die Jugendlichen von VW. Es gibt Fotos, da wirkt die Dichterin glücklich. Aber die Erinnerungen scheinen schnell wieder alles zu überlagern. „Aus Auschwitz kehrt man nie zurück“, sagt Zofia Posmysz. „Am schlimmsten ist es, wenn ich irgendwo auf der Straße Gewalt sehe. Und wieder bin ich machtlos und kann nichts tun dagegen.“

Darum ist sie über das Interesse der Jugendlichen froh. „Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal an so einer Begegnung in Auschwitz teilnahm, haben mich all diese jungen Leute sofort erinnert an die deutschen Soldaten, die in Warschau einmarschiert sind. Alles hübsche Jungs, warum wollten sie kämpfen und uns vernichten? Und da habe ich Gott gedankt, dass hier nun diese anderen Jugendlichen sitzen, die davon wissen wollen und dazu beitragen, dass es nie wieder so weit kommt.“

Der Auszubildende Alexander, jüdischen Glaubens, zeigt sich besonders beeindruckt darüber, dass Zofia Posmysz ihre Peiniger nicht hasse, sondern gesagt habe, dass sie versteht, dass derart systematisch indoktrinierte Menschen nicht mehr anders handeln konnten. Darum müsse immer wieder aufgeklärt und solchen Ideologien kraftvoll widersprochen werden. „Ich bewundere, dass sie trotz ihrer Erfahrungen so offen den Menschen gegenüber geblieben ist.“

Zofia Posmysz spricht plötzlich Deutsch: „Mein Gott, so jung“ – das seien die ersten Worte gewesen, die sie hörte, als sie aus ihrer Ohnmacht nach dem Gewaltmarsch nach Auschwitz erwacht sei. „Das hat die KZ-Aufseherin gesagt. Sie hatte also Mitleid. Und da ist wieder Hoffnung in mir aufgekeimt, dass es doch nicht alles nur Unmenschen sind. Und dass ich überleben könnte. Und diese Hoffnung ist während der Haft sogar immer mehr gewachsen. Ich habe an Gott und an den Menschen geglaubt.“

In der Oper gibt es Volkslieder, die die Häftlinge singen und daraus Kraft schöpfen. Auch Zofia Posmysz hat mit ihren Landsleuten Gedichte gesprochen und gesungen. Aber Musik ist nun auch zwiespältig für sie, wenn sie bekannte Titel höre, sehe sie sofort ganz andere Situationen vor sich, erzählt sie. „Die neuen Häftlinge wurden im KZ mit Musik des Lagerorchesters begrüßt, so dass sie denken konnten, wo musiziert wird, kann es so schlimm nicht sein“, erklärt Heubner. Andererseits habe sie sich dann auch immer gewünscht, dass sie all die schöne Musik irgendwann wieder wie früher zu Hause oder im Konzert hören können würde, sagt Zofia Posmysz. Das habe ihr wieder Kraft gegeben. Während sie Widmungen in ihren Novellenband schreibt, singt sie noch ein Heine-Lied aus Schumanns „Dichterliebe“ vor sich hin – auf Deutsch.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder