Auf einem Bein zum höchsten Ton

Braunschweig.  Star-Flötist Maurice Steger glänzte im Braunschweiger Sinfoniekonzert mit Bach und Corelli.

Der Star-Flötist Maurice Steger.

Der Star-Flötist Maurice Steger.

Foto: Staatstheater / Marco Borggreve

Im Sinfoniekonzert des Staatsorchesters erwies sich Starflötist Maurice Steger zum erneuten Male als Publikumsmagnet: In der fast vollständig gefüllten Stadthalle zog der umtriebige Schweizer auch als Dirigent mit Musik zwischen Bach und Schubert in seinen Bann.

Show und Effekte sind auch in der Klassik nicht völlig wegzudenken. So mag man sich anfangs noch amüsiert über das Handküsschen für die Bratschistin und das charmante Schunkeln des Solisten zeigen. Dem Publikum gefällt’s. Und der musikalischen Qualität tut es keinen Abbruch. Im Gegenteil: Auch durch die großen Gesten gelingt es ihm, Spannung zu erzeugen, Brücken zu bauen, mitzureißen.

Aber wenn Steger in Johann Sebastian Bachs Konzert D-Dur BWV 1053a den höchsten Blockflöten-Ton auf einem Bein stehend wie unter höchstem Druck geradezu herauszupressen scheint, dann ist das irgendwie auch schön vermittelte Musikpädagogik: Denn Bachs Konzert ist ja ursprünglich gar nicht für Blockflöte verfasst worden.

So zeigt Steger spielend die Grenzen dieses kleinen Instrumentes auf, dem er zur Renaissance in den Ruhmeshallen der hohen Musik verholfen hat. Zeigt, dass die Blockflöte nicht nur Folterinstrument in bürgerlichen Kinderzimmern sein muss. Sondern von dunkler Schattierung über verspielt-höchste Triller zu beschwingter Tanzrhythmik vielseitig und abwechslungsreich sein kann.

Das dreisätzige Bachsche Konzert, ursprünglich wohl für Oboe verfasst, gelingt so mit seinen zwei heiter-schwungvollen Ecksätzen und dunklem Mittelteil in seiner Gegensätzlichkeit präzise und in schöner Einheitlichkeit im Zusammenspiel mit dem Staatsorchester.

Denn im Paket gebucht, übernimmt Steger auch die musikalische Leitung. Anton Webers Bearbeitung von Bachs „Musikalischem Opfer“ gerät ihm so zu einem stringent durch die Instrumentengruppen des großen Orchesterapparats geführten, blühenden Geflecht des Bachschen Themas. Preußenkönig Friedrich II. hatte den Leipziger Meister mit einer sechsstimmigen Fuge beauftragt, um sein Können zu testen.

Dann mit Arcangelo Corellis Konzert Nr. 7 d-Moll wieder Flöte: Viel mehr virtuos, mit flirrend-hohen Trillern und schön tragenden Melodien versehen, ist das Werk des barocken Italieners weniger musikalisch versiert und ausgefeilt. Vielmehr gibt es dem Solisten auf, durch technische Brillanz zu punkten. Und dies meistert Steger auf der ganzen Linie mit wunderschön farbig-lautmalerisch ausgestaltetem Finale.

Nach der Pause epochal-unvollendetes, zu einem Gesamtpaket zusammengeschnürt: Bachs neunter Kontrapunkt in der „Kunst der Fuge“ BWV 1080 ist ein letztes, ruhiges Aufbäumen einer meisterhaften kontrapunktischen Verarbeitung mit plötzlichem Abbruch, weil Bach starb.

Nahtlos gestaltet Steger den Übergang zu Franz Schuberts 8. Sinfonie, der ebenso „Unvollendeten“. Ein toller Kniff, der den leisen, aber düster-dräuenden Einstieg des Allegro moderato nur umso eindringlicher verstärkte und mit knisternder Spannung in das vordergründig leichte, aber tragische Werk des zu früh Verstorbenen einleitete.

In der Folge dann eine packende, intensive Interpretation mit Paukenschlägen, die ins Mark gingen und Crescendi wie Aufschreie. Das ohrwurmgefährdete Hauptthema geriet dazu schön statisch-resignierend. Dem Horn obliegt die letzte Melodie, und so schließt die Sinfonie mit Wehmut und ein wenig versöhnlich. Eine starke Darbietung! Viel Applaus.

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