Wie Stasi-Mielke die Punks ins Visier nahm

Braunschweig.  Geralf Pochop hat die 80er Jahre als Punk in der DDR erlebt. Er wurde verfolgt und inhaftiert. In Braunschweig erzählt er aus einer wilden Zeit.

Auftritt der Band Schleimkeim bei einem Punk-Festival nahe Erfurt 1986.

Auftritt der Band Schleimkeim bei einem Punk-Festival nahe Erfurt 1986.

Foto: Geralf Pochop

Anfangs sei es eine winzige Szene gewesen, erzählt Geralf Pochop. Eine Handvoll Jugendlicher in den größeren Städten der DDR, die sich für Punk-Musik interessierten, Bands gründeten, abgerissene Lederjacken trugen.

Pochop war einer von ihnen, Anfang der 80er Jahre in Halle an der Saale, seit er im West-Radio die Sex Pistols gehört hatte und hingerissen war von der anarchischen Kraft ihrer Musik. „Wir waren eigentlich harmlos, pubertierende Jugendliche eben, die ein bisschen schocken, kreativ sein und sich ausleben wollten. Politisch waren wir nicht.“

Doch dann hätten westliche Medien das an sich unbedeutende, aber pittoreske Phänomen DDR-Punk aufgegriffen, erzählt Pochop – und Stasi-Chef Erich Mielke beschloss, ein Exempel zu statuieren. „Er erklärte uns zu persönlichen Hauptfeinden und wies seine Leute wörtlich an, ,die Samthandschuhe auszuziehen’“, sagt Pochop.

Über seine Erlebnisse als Punk in der DDR hat er ein Buch geschrieben: „Untergrund war Strategie“. Am Montag stellte der 54-Jährige es samt Fotos und Musik im gut besuchten Universum-Kino vor.

Die Auseinandersetzung mit der Stasi habe als absurdes Katz-und-Maus-Spiel begonnen. Im Herbst 1983 sollte in der Hallenser Christusgemeinde ein kleines Punk-Festival stattfinden. Kirchen und abgelegene Dorfkneipen waren die einzige Orte, an denen Punkbands auftreten konnten, weil Auftrittsgenehmigungen an staatliche Prüfungen gebunden waren. Die kamen für Punks nicht infrage – weder ideologisch noch qualitativ (Titel von Bands wie Schleimkeim oder Müllstation, die Pochop im Universum anspielt, klingen tatsächlich radikal dilettantisch).

Das geplante Festival in Halle habe die kleine Szene elektrisiert – allerdings auch die Stasi und die Volkspolizei, erzählt Pochop. „Die hielten einfach die Türen von Straßenbahnen und Zügen zu, in denen Jugendliche anreisten. Taxifahrer hatten Weisung, an der Christuskirche niemanden rauszulassen.“ So schaffte es nur ein Haufen Unentwegter und eine Handvoll Musiker in den Gemeindesaal.

Bald verschärfte Mielke das Vorgehen gegen Punks. In einigen Städten durften sie keine Jugendclubs mehr betreten, teils auch keine Kaufhallen, Gaststätten und öffentlichen Verkehrsmittel mehr, berichtet Pochop. Immer wieder seien Punks verhaftet und verprügelt worden. Schließlich habe Mielke einen Erlass durchgesetzt, der Bußgelder bis zu 500 Mark gegen Jugendliche vorsah, „die durch anstößiges Aussehen in erheblichem Maße den Anstand und die menschliche Würde“ verletzten, wie es hieß. „Das Lehrgeld betrug damals rund 100 Mark monatlich. Diese Strafen konnte natürlich niemand zahlen“, erzählt Pochop, der eine Ausbildung zum Funkmechaniker absolvierte.

Das kompromisslose Vorgehen des Regimes hatte Folgen. Die Punks radikalisierten sich und wurden zu entschiedenen Regimegegnern in Texten, Musik, Verhalten. „Wir hatten nichts mehr zu verlieren“, sagt Pochop. Er erzählt, wie ihn Stasi-Mitarbeiter nachts in ein Waldstück fuhren, ihn einschüchterten und bedrängten, Inoffizieller Mitarbeiter zu werden. Er habe vor Angst gezittert, sei aber standhaft geblieben, sagt der schlanke, damals fast zierliche Mann.

Im Oktober 1987 wurde er schließlich zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. „Die ersten Wochen saß ich in Isolationshaft. Dann wurde ich für einige Zeit zu Schwerkriminellen gesteckt.“

Nach der Entlassung stellte er erstaun fest, dass die Lage sich verändert hatte. „Es gab immer mehr Punks, Gothics, Unangepasste – und nun wurden sie weitgehend in Ruhe gelassen. FDJ-Chef Krenz suchte sogar öffentlichkeitswirksam das Gespräch, doch das kam zu spät.“ Pochop jedenfalls hatte genug. Er stellte einen Ausreiseantrag, zunächst erfolglos. Dann fand er über Westkontakte eine junge Braunschweigerin, die bereit war, ihn aus der DDR „herauszuheiraten“. Plötzlich ging alles erstaunlich schnell. Im April 1989 saß er in einem Zug nach Westen.

Pochop lebte kurz in Braunschweig, kam aber mit der Mentalität im Westen nicht zurecht. „Es ging nur ums Geld.“ Bald nach der Wende ging er zurück nach Halle, gründete einen Plattenladen. 2011 wurde er als politischer Gefangener anerkannt und rehabilitiert. Heute lebt er in Torgau und ist mit der Band Gleichlaufschwankung immer noch in der Szene aktiv.

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