Geschlechtsverwirrung im Paketlager

Hannover.  Die Staatsoper Hannover zeigt die Shakespeare-Vertonung des aus Cremlingen gebürtigen Manfred Trojahn.

Ania Vegry als Viola (links) und Martin Berner als Narr im Tutu.

Ania Vegry als Viola (links) und Martin Berner als Narr im Tutu.

Foto: Jörg Landsberg / Staatsoper Hannover

Das Spiel mit den versteckten Gelüsten verstand wohl keiner so gut wie William Shakespeare. Und die Komödie „Was ihr wollt“ ist ein Labyrinth der unbegrenzten erotischen Möglichkeiten. Wenn die als Knabe verkleidete Viola Herzog Orsino ebenso entzückt wie Gräfin Olivia, bleibt offen, ob das innere oder äußere Geschlecht die Attraktion ausmacht.

Wie viel Verwirrung sich damit noch stiften lässt, zeigt exemplarisch die Inszenierung am Staatstheater Braunschweig, die ab März wieder zu sehen ist. Die Staatsoper Hannover hat sich nun Manfred Trojahns gleichnamiger Oper angenommen. Der in Cremlingen geborene und in Braunschweig erstausgebildete Komponist mit internationalem Ruf ist damit zum dritten Mal mit einem Werk in Hannover präsent, ans Braunschweiger Haus hat er es leider noch nicht geschafft.

Seine Musik reizt die Skala des Nicht-Harmonischen weidlich aus, und er neigt zu orchestraler Wucht, die seinem mitreißenden „Orestes“ noch besser zu Gesicht stand als jetzt der Komödie. Er nimmt nichts leicht an diesen Gefühlsverwirrungen, der musikalische Grundeindruck ist dunkel, alle Figuren leiden an ihren unerfüllten Sehnsüchten. Cameron Burns am Pult zelebriert das in heftiger Klangentfaltung, zuweilen etwas nummernhaft (mit hörbarer Blätterpause), wo sich auch schöne Meloslinien herausarbeiten ließen.

Shakespeares zweifelhaftes Happyend spart Trojahn aus. Es erfüllt sich eben nicht unbedingt alles Verlangen, wenn der Geliebte plötzlich das gesellschaftlich passende Geschlecht hat oder ein Zwilling mit dem akzeptierten Geschlecht als Ausweichmodell auftaucht.

Regisseur Balázs Kovalik betont diese Ausweglosigkeit noch. Hermann Feuchters Pakettürme, die sich zum Einstürzen kipplig bis unter den Schnürboden stapeln, ermöglichen kein lustiges Versteckspiel, sondern wirken nüchtern und bedrohlich. Auch wenn hin und wieder mal der Mond aufgeht – auch das tristeste Leben hat seine romantischen Momente.

Der Narr im Tutu wirkt da kaum mehr skurril. Aus der Überraschungslieferung schlüpfen die Zwillinge, verwirren die Gefühle der Paketlagerbewohner und treten in einem Scheinspiegel immer wieder ihrem anderen Ich gegenüber.

In Unterwäsche zeigen Viola wie Sebastiano auch Formen des anderen Geschlechts. Orsino trägt zuweilen Kleid und Pumps, alle Signale sind ambivalent. So fällt der Kampf mit der Konvention als Grundkonflikt freilich flach. Richtig glücklich wird aber keiner damit, ob homo-, hetero-, bi- oder polysexuell, alle Glückssuche bleibt ziemlich verhagelt, und der Narr (Martin Berner) singt am Ende im Fiddle-Lied seinen Zynismus raus, „denn der Regen regnet jeglichen Tag“.

Die saufenden Kumpane drumrum wirken hier in feinstem Schottenrock eher brav. Gabelstapler und Badewanne machen zuweilen komischen Effekt, während der reingelegte Malvolio mit gelb gestrichenen Beinen, prächtig gesungen von Brian Davis, schnell Mitleid erregt.

Nicht alle Sänger bringen die ariose Linienführung oder die witzige Parodie barocken Gestammels mit der nötigen stimmlichen Schönheit rüber. Sicher führt Trojahn die Stimmen manchmal arg hoch, aber Ania Vegry als Viola klingt mit ihrem stark soubrettig tremolierenden Sopran quasi ständig überanstrengt. Desgleichen gelingen Simon Bode als Orsino die tenoralen Kantilenen nicht mit Weichheit und Schmelz. Dagegen ragt Julia Sitkovetsky als Haushälterin Maria mit klarem Sopran hervor.

Trojahn hätte mal eine Chance in der Heimat verdient.

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