Aquarelle, die die Welt bedeuten

Braunschweig.  Die Braunschweiger Kemenaten zeigen eine Werkschau des Architekten, Architekturzeichners und Malers Peter Färber.

Aquarellierte Straßenszene aus La Valletta von Peter Färber.

Aquarellierte Straßenszene aus La Valletta von Peter Färber.

Foto: Peter Färber / Katalog

Peter Färber ist ein weitgereister Mann. Andere fahren in die Welt, um Neues kennenzulernen, sich zu entspannen, um den Alltag hinter sich zu lassen. Färber reist vor allem, um sich inspirieren zu lassen und zu verstehen: die Anlage, den Aufbau und die Atmosphäre fremder Städte. Den einmaligen Charakter von Landschaften. Und dieses Verständnis erschließt sich bei Färber durch das Zeichnen.

Zeichnen zwingt dazu, ein Motiv zu durchdringen, das Wesentliche herauszuarbeiten. Das unterscheide es vom Fotografieren, von der Weltablichtung im Vorübergehen mit dem Smartphone. „Hinter den Augen befindet sich das Gehirn, hinter der Linse der Farbfilm“, pointiert der 80-Jährige. Oder die so nahezu grenzenlose wie gleichgültige Kapazität des Speicherchips.

In den vergangenen Jahrzehnten hat Färber ein umfangreiches bildnerisches Werk geschaffen: Landschaften, Stadtansichten, Gebäudeporträts, aber auch Stillleben und Fantasien in verschiedenen Techniken – Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen, auch Ölgemälde. Die Stiftung Prüsse würdigt den TU-Professor im Ruhestand nun mit einer kleinen Werkschau in der Kemenate Hagenbrücke und der Jakobs-Kemenate.

Färber, 1938 im brandenburgischen Mühlberg geboren, studierte in Dortmund und Darmstadt Architektur. „Zeichnen und Malen gehörte damals noch weitgehend zum Handwerkszeug des Architekten“, so Färber. Und es habe eine künstlerische Note gehabt. Während sich die freie Kunst vom Anschaulichen fort- und hin zur Theorie, zum Konzept, zur Kopfgeburt entwickelt habe, sei er ein „Augenmensch“ geblieben, dem Gegenstand verpflichtet.

Nach einigen Jahren als Architekt und Professor für Bauentwurfslehre in Darmstadt kam Färber 1975 als Professor für Architekturzeichnen und Raumgestaltung nach Braunschweig. Von 1983 bis zum Ruhestand 2002 leitete er das gleichnamige Institut.

In all den Jahren hat er sich offensichtlich eine traumwandlerische Sicherheit im Erfassen und Wiedergeben von Proportionen und Raumbeziehungen erworben. Auf seinen Reisen zeichne und aquarelliere Färber direkt vor Ort, auf einem Hocker sitzend, was ihn fasziniere, erzählen die Kuratoren seiner Werkschau, Udo Gebauhr und Manfred Fischer.

In wenigen Stunden entstehen so dynamische, organische, Licht, Luft und Charakter atmende Ansichten von Plätzen, Bauwerken, Straßenzügen in Straßburg, Paris, Braunschweig, halb Europa, aber auch Nordafrika, dem Nahen Osten und Japan. Farbe trägt zur Raumgliederung bei, transportiert aber auch Stimmungen. Erdig festgefügt wirkt eine Ortsansicht aus dem Veneto, hell und filigran steigt die gotische Kathedrale von Gent in den blauwolkigen Himmel empor, flirrend erscheint eine Straßenszene in Paris, in kühleren Grün und Blautönen die Landschaft der Bretagne.

Während die Aquarelle impressionistische Züge haben, sind Färbers Radierungen karger, dramatischer, expressiver. Scharfzähnig zeichnet sich ein düsterer Hecht-Kopf über spinnenbeinigen Grätenresten ab; das tote Auge scheint den Betrachter grimmig zu fixieren („Weihnachten 1999“ hat Färber das Bild genannt). Knorrig-verschlungen wachsen herbstliche Bäume aus dem Boden, geheimnisvoll öffnet sich das Innere eines Granatapfels. Unaufhaltsam sprengen Pflanzen einen bröckelnden Balkon oder die Ruinen des Forum Romanum. Visionär lässt Färber auf einem antiken Gebäude moderne Betonburgern wuchern und wieder einstürzen.

Solche architektonischen Visionen prägen auch viele seiner Ölgemälde, die vor allem in der Jakobs-Kemenate ausgestellt sind.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder