Gzuz lädt die Presse aus – und lässt sich feiern

Braunschweig.  Der Hamburger Gangsta-Rapper setzt auf gezielte Tabubrüche und fasziniert damit 1800 Fans in der Braunschweiger Stadthalle.

Rapper Gzuz (30) bei einem Konzert vor zwei Jahren in Hannover. In Braunschweig ließ er keinen Pressefotografen zu.

Rapper Gzuz (30) bei einem Konzert vor zwei Jahren in Hannover. In Braunschweig ließ er keinen Pressefotografen zu.

Foto: Philipp von Ditfurth / DPA

Ihre Texte handeln von Gewalt, von Drogenkonsum und -verkauf, vom Stolz auf den mit Musik und auf der Straße erzielten Reichtum, auf ihre Männlichkeit und das persönliche Strafregister. Gzuz (sprich: Djisus) und andere Musiker der bei Jugendlichen schwer angesagten Hamburger Clique „187 Straßenbande“ inszenieren sich als knallharte Gangsta-Rapper und moderne Mafiosi. Polizei und Justiz verachten sie – und offensichtlich auch die Presse.

Kurz vor seinem Konzert am Wochenende in der Braunschweiger Stadthalle ließ Gzuz alias Kristoffer Klauß (30) über den örtlichen Veranstalter, die Braunschweiger Agentur Undercover, ausrichten, dass Pressevertreter nicht erwünscht seien. Die vorher zugesagte Akkreditierung müsse man darum leider zurückziehen, erklärte eine Undercover-Sprecherin.

Ein frei verkäufliches Konzert mit einem umstrittenen Rapper vor knapp 2000 Fans in der zweitgrößten Veranstaltungshalle der Stadt unter Ausschluss der örtlichen Medien? Ist das rechtlich überhaupt möglich? Können kontroverse Musiker Berichterstattung tatsächlich verhindern? Ja und nein, lautet die Antwort von Juristen: Grundsätzlich hätten die Veranstalter von Konzerten tatsächlich das Hausrecht und könnten demnach entscheiden, wem sie Zutritt gewähren. Andererseits handele es sich bei Konzerten insbesondere der Größenordnung des Gzuz-Gastspiels aber um „Ereignisse der Zeitgeschichte“. Damit hätten Medien auch das Recht, darüber zu berichten, wenn sie an Informationen gelangen.

Im Fall des Braunschweiger Konzerts reichte dafür der reguläre Kauf eines Tickets.

40 Euro Eintritt verlangte Gzuz für sein Gastspiel in Braunschweig. Das dürfte für viele seiner überwiegend jugendlichen Fans eine ganze Menge Geld sein.

Und die Produktionskosten der Show am Freitagabend in der Stadthalle sind überschaubar: Die Musik – bohrende Bässe, schwere, schleppende Beats, düstere Synthiesounds – kommt aus dem Computer seines DJs. Die Lichtshow ist durchschnittlich, das Bühnenbild besteht lediglich aus zwei großen Projektionen, zunächst ein riesiges maskiertes Gesicht, dann sein Emblem: zwei gekreuzte Maschinenpistolen. Im Vorprogramm lässt Gzuz drei befreundete Rapper auftreten. Die sprechsingen rund eine halbe Stunde, der Star anschließend kaum länger als 75 Minuten. Trotzdem wird er von rund 1800 Fans begeistert gefeiert.

Kristoffer Jonas Klauß, wie er bürgerlich heißt, scheint den Zenit seiner Karriere als Musiker erreicht zu haben. Er hat eine tiefe, raue, markante Stimme, aber keine umwerfenden Fähigkeiten als Sprechsänger. Er rappt weder besonders schnell noch rhythmisch komplex, und seine Texte sind sprachlich nicht übermäßig kunstvoll gebaut. Aber sie erzählen unverblümt von einem Milieu, das man sonst nur aus Krimis kennt, die man ja auch mit einem angenehmen Grusel schaut: vom Leben als Drogendealer im Hamburger Kiezdschungel.

Anders als bei Fernsehkrimis lässt Gzuz aber jeden moralischen Beipackzettel weg. Im Gegenteil: Er stellt das Dealen als hartes, cooles Handwerk dar, das sich dadurch rechtfertigt, dass es jede Menge Scheine bringt. Und klar, es ist gefährlich, und eben deshalb sind diejenigen die Größten, die sich durchsetzen. Kerle wie er, mit einem stattlichen Strafregister. Nachfragen nicht erwünscht, wie der 30-Jährige im Song „Warum“ klarstellt: „Sie fragen: ,Gzuz, warum bist du nur so? / Warum gibst du dir die Kante, warum bist du auf Koks? / Warum dies? Warum das? Warum für keinen Int’resse?’ / Und ich denk’ mir nur, warum hältst du nicht einfach die Fresse?“

Hunderte Kehlen skandieren „Fresse“ in der Stadthalle textsicher mit. Seinen Fans imponiert Gzuz’ Selbstherrlichkeit, weil sie dem großen tätowierten Typen abnehmen, dass er es ernst meint. Der kennt keine Kompromisse, kein Buckeln vor dem Lehrer oder dem Chef. Ein echter Kerl. Die Faszination von Gzuz, wie er da teutonisch hölzern über die Bühne stapft, gründet wohl weniger in musikalischer Bewunderung als in Heldenverehrung. „Du hast gedacht, ich mache Spaß / aber keiner hier lacht / Sieh dich mal um, all die Waffen sind scharf“ – noch so eine typische Gzuz-Zeile. Markant sein kann er. Manche seiner Songs sind in ihrer konsequenten Düsternis auch ganz packend. Etwa wenn er überraschend über seine innere Leere rappt:

„Manchmal glaube ich, es war die Mühe nicht wert / Neuer Tag, neues Drama / Die Taschen sind voll, doch ich fühle mich leer / Heute Spaß, morgen Kater.“ Wirklich abstoßend ist Gzuz, Vater einer kleinen Tochter, dagegen immer, wenn er über Frauen rappt. Da gibt es nur zwei Sorten: Familienangehörige und den Rest, durchweg Schlampen, um eine freundlichere Bezeichnung zu verwenden.

„Leute, ich habe euch nie betrogen oder belogen“, ruft er zwischen zwei Titeln in die Halle. Und: „Jede Goldkette und jede Uhr – ihr habt mir das ermöglicht und dafür liebe ich euch.“ Nach anfangs intensiven, aber zunehmend monotonen 75 Minuten mit stets ähnlichen Beats und Texten ist sein Liebesdienst beendet.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Kulturredakteur Florian Arnold:

Alpha-Männer-Sound

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