Nofretetes Tochter auf der Flucht

Braunschweig.  Die Ausstellung „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“in zwei Braunschweiger Kirchen und einem Museum überzeugt durch Ästhetik.

Harald Birck schuf aus Ton Porträts von gesellschaftlichen Außenseitern.

Harald Birck schuf aus Ton Porträts von gesellschaftlichen Außenseitern.

Foto: Martin Jasper

Skepsis ist geboten, wenn die freie Kunst eingespannt wird für irgendeine Idee – und sei sie noch so gut. Sie wird dann schnell zum mehr oder minder trivialen Transmissionsriemen kirchentagstauglicher Botschaften.

Nun also „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“, eine Wanderausstellung der Diakonie Deutschland, die derzeit in zwei Braunschweiger Kirchen und dem Landesmuseum Station macht. Wir nähern uns der Brüdernkirche mit dem ein ganz klein wenig genervten Gedanken: Ausgrenzung ist nicht gut (außer bei Nazis). Das wissen wir ja.

Und doch weicht die Skepsis rasch einer Faszination, die weniger von der Dringlichkeit des Themas als von der Sinnlichkeit der Exponate herrührt. Kein einziges sei eigens für diese Ausstellung entstanden, sagt Kurator Andreas Pitz. Das tut der Sache gut. Es sind greif- und begreifbare Arbeiten, die sich wohltuend vom oft leerdrehenden Intellektualismus des heutigen Kunst-Diskurses unterscheiden.

Das beginnt bereits mit der wuchtig-filigranen Skulptur von Georg-Friedrich Wolf auf dem Vorplatz. Holzbohlen, vernagelt mit rostigen Stahlbändern, verkeilen sich steil empor. Das lässt natürlich sogleich an Caspar David Friedrichs „Gescheiterte Hoffnung“ denken, zugleich aber auch an ein zerborstenes Floß, das sich wie ein stummer Schrei des Elends in den womöglich leeren Himmel erhebt.

Hinzu kommt, dass der Bildhauer die Skulptur aus den archaischen Materialien gemeinsam mit Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien und dem Iran schuf. Und dass diese Leute die Nägel selbst geschmiedet haben, welche die Konstruktion zusammenhalten. So ergibt sich ein jegliche Skepsis bezwingender Einklang aus ästhetischem und humanitärem Symbolgehalt.

In gleichem Sinne zwingend ist im Inneren der Kirche auch die Serie von vier Tonköpfen des Bildhauers Harald Birck. Es sind Porträts von Obdachlosen und Gestrandeten, schnell und grob gefertigt. Da ist nichts geschönt. Die Grobheit des Tons, die Schrundigkeit und Fleckigkeit der Oberflächen entsprechen auf unheimlich lebendige Weise den derben Lebensläufen. Zugleich aber stehen sie auf Sockeln im sakralen Raum. Kurator Andreas Pitz erzählt, einer der Porträtierten habe beim Anblick der Büsten ausgerufen „guck mal, wir sehen aus wie Könige!“

Von makellos glatter Schönheit erscheint hingegen die junge Frau, die Birgit Helmy schuf. Raffiniert, wie es der Künstlerin gelang, in Haltung, Frisur und Gesichtsausdruck beim Betrachter schon beim ersten Blick Assoziationen an die Königin Nofretete zu wecken, der Figur aber zugleich die Aura einer modernen jungen Frau zu geben. Der Titel „Exil“ eröffnet den entsprechenden Gedankenraum.

Es gibt sie schon auch, die ästhetisch etwas schlichteren Botschaften. Aber es gibt auch die Weiterung des Themas Ausgrenzung. Liebevolle Erinnerung an Gastarbeiter, Fotos von selbstbewussten Menschen mit eigenwilligen Lebensentwürfen, fantastisch inszenierte Fotos von Körperbehinderten, ausdrucksstarke Kopf-Skulpturen, gefertigt von behinderten Menschen selbst.

Im Museum runden eine bedrückende, fast schon anklagende Installation aus halb-verrotteten Schuhen, die in der Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen gefunden wurden und mehrere aussagekräftige, mitunter allerdings auch arg plakative Drucke, die mit einem fast schon bissigen Ton das Thema „Flagge zeigen“ bearbeiten, runden die Ausstellung ab.

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