Damit Texte keine Hürden mehr sind

Braunschweig  Für die Teilnahme aller am sozialen Leben: Zwei Braunschweiger haben sich der leichten Sprache verschrieben.

Bettina Mikhail und Martin Markwort mit ihrem Buch über die amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks.

Bettina Mikhail und Martin Markwort mit ihrem Buch über die amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks.

Foto: Jasper

Jeder Mensch soll alles verstehen. Sonst kann er kaum am öffentlichen Leben teilhaben. Das Thema hat Zukunft. Immer mehr Leute tun sich schwer mit dem Lesen. Das hat verschiedene Gründe. Schwierige Sprache baut ihnen Hürden auf. Diese machen ihnen das Leben schwer. Deshalb gibt es eine leichte Sprache.

Die Autorin und Übersetzerin Bettina Mikhail hat sich mit dem Grafiker Martin Markwort zum „Bund Leichte Sprache Braunschweig“ zusammengeschlossen und dies zum Schwerpunkt ihrer beruflichen Tätigkeit gemacht. Jüngst haben sie ihr erstes Buch vorgelegt: „Rosa Parks: eine Frau mit Mut“. Auf dem Klappentext ist zu lesen:

„Das Buch erzählt die spannende Geschichte von Rosa Parks.

Die Geschichte spielt in Amerika.

Die Geschichte handelt vom Mutig·sein.

Es ist eine wahre Geschichte.

Rosa hat für Menschen·rechte gekämpft.

Und Rosa hat viel für andere erreicht.

Das macht Mut.“

Was fällt auf? Kurze Sätze. Keine Nebensätze. Nur Aktiv, kein Passiv. Nur Präsens und Perfekt, keine anderen Zeitformen. Keine Fremdwörter. Immer nur ein Gedanke pro Satz. Für jeden Satz ein eigener Absatz. Zusammengesetzte Wörter werden mit einem mittig gesetzten Punkt geteilt.

Wenn man das so liest, keimt ein ganz und gar despektierlicher Gedanke auf: Halten die Autoren ihre Leser für doof? „Ganz und gar nicht!“, beschwört Bettina Mikhail. „Wenn Sie einen Text nicht verstehen, sind Sie nicht dumm!“ Viele Legastheniker seien hochintelligente Menschen. Zudem seien oft einfach die Texte nicht gut. Es gebe unnötige Verklausulierungen, hirnlähmende Bürokratismen, pure Angeberei, Machtanspruch durch Sprache. „Was wir bieten wollen, ist einfach ein niederschwelliges Angebot. Wir wollen ja Fachsprachen nicht ersetzen. Es ist ein Zusatzangebot. So wie es Rampen für Rollstühle gibt, muss es doch auch Rampen für Wörter geben.“

Den Bedarf sehen die beiden Sprach-Aktivisten steigen. Es gebe in Deutschland rund 13,5 Millionen Menschen, die bei einem Wortschatz auf Grundschulnieveau größere Probleme beim Lesen und Schreiben haben. 7,5 Millionen Menschen seien funktionale Analphabeten – sie sind den schriftsprachlichen Anforderungen des täglichen Lebens nicht gewachsen.

Außerdem bestehe Bedarf bei Gehörlosen, Autisten, älteren und dementen Menschen, bei Betroffenen eines Gehirnschlages und – gerade besonders aktuell: bei Flüchtlingen und Migranten.

Sicherlich, sagt Mikhail, müssten die Texte inhaltlich reduziert werden. „Es ist ein Gratwanderung. Die leichte Sprache ist wie ein Maggi-Würfel: Die Informationen sind aufs Wesentlichste komprimiert.“ Umbekehrt merke man bei diesem sprachlichen Einkochen auch, wie viel leeres Stroh manche Texte enthielten, zum Beispiel Wahlprogramme.

Markwort legt Wert darauf, dass leichte Sprache auch nach grafischen Kriterien funktioniere. Er hat Piktogramme entwickelt, die am Rand der Seite das Verstehen optisch erleichtern sollen. Es gibt zur besseren Übersicht Farbfelder und Striche. Sogar die Typografie wird leicht verändert: Mikhail: „Das o ist bei uns zum Beispiel eher kreisrund als oval.“

Bedarf sehen die beiden in Hülle und Fülle: im medizinischen Feld, im kulturellen Bereich, etwa bei Ausstellungsführern oder Schrifttafeln, bei Behörden, in Gebrauchsanweisungen. Man sei mit vielen Institutionen im Gespräch, versichert Markwort: „Das ist ein Zukunftsmarkt!“

Das Buch über Rosa Parks ist mit Hörbuch im Buxus-Verlag erschienen (19 Euro). Bettina Mikhail findet das Thema passend: „Es handelt nicht nur von Menschenrechten, sondern setzt auch ein Menschenrecht um – indem es Zugang zu historisch-politischer Bildung bietet.“ Es soll nicht ihr letztes Buch in leichter Sprache sein.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder