Tod dem Geliebten!

Berlin  Lucia Ronchetti hat eine Kammeroper für Berlin und Braunschweig geschrieben.

Der Zweikampf der Sarazenenfürstin Clorinde mit dem Kreuzfahrer Tankred aus Tassos „Das befreite Jerusalem“ gehört zu den beliebten Stoffen der Barockoper, raffiniert dadurch, dass die beiden Rivalen ineinander verliebt sind. Die Gegenwartskomponistin Lucia Ronchetti hat Clorinde zur Hauptfigur ihrer Monologoper „Rivale“ gemacht, die am Sonntag in der Werkstatt der Berliner Staatsoper uraufgeführt wurde und am 29. Oktober ins Kleine Haus des Braunschweiger Staatstheaters übernommen wird. Inszeniert hat Braunschweigs Operndirektorin Isabel Ostermann. Mit der Komponistin sprach nach der Uraufführung Andreas Berger.

Wieso haben Sie den alten Stoff wiederbelebt?

Ich interessiere mich persönlich für die Libretti der Werke aus der Frühzeit der Oper, und besonders für solche, in denen Zauberwälder und Zauberei vorkommen. Dabei habe ich Antoine Danchets „Tancrède“ gefunden, dessen sehr plastische französische Barocksprache mich fasziniert hat. Für das Auftragswerk der neuen Staatsoper habe ich darum diesen Stoff vorgeschlagen. Wir haben mit Regisseurin Isabel Ostermann und Dramaturg Roman Reeger erst über ein Duett der beiden Rivalen nachgedacht, aber ich fand es dann spannender, die Geschichte ganz aus Clorindes Sicht zu schildern, die in den Opern sonst immer zu kurz kommt. Es ist ein innerer Monolog, und man kann sich am Ende auch fragen, ob es den Rivalen wirklich gibt, ob es nicht ein innerer Gegner ist, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss.

Was macht die alte Geschichte für den Zuschauer heute relevant?

Clorinde ist eine starke Frau, eine Rationalistin. Sie verzichtet ausdrücklich auf Magie, lehnt die Hilfe des Zauberers im Zauberwald ab, weil sie sich stark genug fühlt, Tankred im ehrlichen Kampf zu besiegen. Sie muss dafür allerdings in eine männliche Rüstung schlüpfen, sonst würde ein Krieger wie Tankred das Duell sicher verweigern. Der Konflikt, den sie austrägt, ist einer zwischen ihren Gefühlen, denn sie liebt Tankred, und der Realität, in der es niemals eine Vereinigung der beiden geben kann. Sie analysiert das sehr genau. Es gibt keinen Kompromiss zwischen ihren beiden Kulturen, einer müsste immer etwas aufgeben dabei.

Romeo und Julia haben wenigstens versucht, ihre Liebe zu leben, damit etwas Hoffnung in die Welt zu bringen, wenn sie auch scheitern. Wo bleibt das utopische Potential der Kunst?

Im Krieg ist Liebe Luxus, sie hat dort keinen Platz. Die einzige Möglichkeit der körperlichen Nähe für Clorinde und Tankred liegt im Kampf. Das Duell wird zum Liebestod. Wie bei Tristan und Isolde bleibt ihre Liebe ideal, sie wird sich nie im Alltag beweisen müssen.

Nur Clorinde stirbt in dem Duell. Sie singt dabei in Ihrer Oper ein muslimisches Klagelied.

Während Tankred ein Held der Barockzeit ist, empfinde ich Clorinde als zeitlos und zeitgenössisch. Liebe und Kampf waren das europäisch-kunstvolle Kleid ihrer Geschichte, aber nun im Tod ist sie nicht mehr Kriegerin, sondern nur noch sie selbst, eine junge Moslemfrau in ihrem Schmerz, wie vielleicht manche syrische Frau heute. Und da singt sie in der einfachen Form ihres tiefen Glaubens. Ich bewundere alle Formen der Religiosität, auch der christlichen, es darf eben nur nie ein Vorwand für Krieg daraus werden.

Stimmlich wird der Sängerin jede Art vokaler Äußerung abverlangt, von Sprechgesang über Wispern und Schreien zu Tonsprüngen und Koloraturen.

Jede Ausdrucksweise ist notiert. Ich liebe die vibratolosen Opernstimmen bei Monteverdi, das Vibrato des orientalischen Gesangs, aber auch Beatboxing, Schluchzen, Stammeln, Stöhnen. In der Stimme sind alle Emotionen direkt präsent. Ich mische bewusst den artifiziellen Gesang der Oper mit den Lauten, die im normalen menschlichen Gefühlskreis vorkommen. Ich glaube so, dass die Rollen menschlich direkt erfahrbar werden.

Premiere in Braunschweig am 29.Oktober im Kleinen Haus. Folgevorstellungen am 3., 10., 19. November, 5., 6. Dezember und im Juni. Karten: (0531) 1234567.

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