"Don Carlo" im Staatstheater - Große Gefühle hinter Plastikplanen

Braunschweig  Verdis “Don Carlo” wurde zur Spielzeiteröffnung am Staatstheater Braunschwieg vom Publikum im vollen Großen Haus gefeiert.

Szene aus der Oper "Don Carlo", mit der das Staatstheater Braunschweig seine Spielzeit eröffnet hat.

Szene aus der Oper "Don Carlo", mit der das Staatstheater Braunschweig seine Spielzeit eröffnet hat.

Foto: Staatstheater

Am stärksten ist der Schluss gelungen: Wenn Elisabetta den strauchelnden Don Carlos zum Abschied im Schoße wiegt und ihn an die einst in Fontainebleau ausgesponnene Mission für eine menschenfreundlichere Gesellschaft erinnert, wird daraus ein unendliches Wiegenlied. Die Mission – ein Märchen, von dem sie ahnt, dass dieser Königssohn es nicht verwirklichen kann.

Hier kommt am stärksten jene Zusammenschau der Zeiten zum Tragen, die Andrea Moses sich für ihre Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ vorgenommen hat. Elisabetta hat sich da des spanischen Hofkleids schon entledigt, ist nicht mehr Königin an der Seite Philipps II., auch nicht mehr die heimlich Angebetete des Infanten Don Carlos, dem sie einst versprochen war: sondern Mutter. Carlos’ Stiefmutter, Mutter aber auch der geschundenen Menschheit.

Carlos, der junge Mann in Jeans, zeigt wiederum Anflüge von Fallsucht und Umnachtung wie der historische Don Carlos. Ein echter Hoffnungsträger war er nur in Schillers Drama. Verdi wollte ihn durch einen Mönch, der eine Erscheinung des mysteriös verklärten Kaisers Karl V. ist, in ein meditatives Ideenreich retten. Doch Andrea Moses lässt hier keinen Ausweg zu: Der Mönch (David Ostrek) ist bei ihr das Stück hindurch ein Agent des Großinquisitors. Carlos wird in die Zwangsjacke gesteckt und in den Reliquiensarg des Kaisers gesperrt. So schafft sich die Kirche ihre Legenden.

Und die Freiheitsmission? Obliegt den Frauen. Der fatalen Prinzessin Eboli etwa, die nach gescheiterten Intrigen im System plötzlich hellsichtig wird und zur Revolution gegen das System ruft. Sie führt das Volk Don Carlos zu und beugt sich auch dann nicht, als der Großinquisitor im Tumult noch mal alle auf die Knie zwingt. Nana Dzidziguri begeisterte mit starkem Mezzoton voll tiefer Wucht und brillant aufgehender Mittellage, eine Weltstimme.

Und sie obliegt Elisabetta, die sich am Ende vor den kirchlichen Schergen vor den Vorhang rettet, vielleicht einer freieren Zukunft zu, auf die das Saallicht auch die Zuschauer verpflichtet. Ivi Karnezi sang sie jedenfalls mit ihrem auch dramatisch ausgreifenden Sopran in schöner Intensität.

Erst von diesem Ende her erklärt sich auch der merkwürdige semikonzertante Beginn der Oper, als Elisabetta und Carlos vor dem Vorhang den geplanten privaten und politischen Bund singend als Menschheitsprogramm verlesen. Gerade vor diesem weltanschaulichen Hintergrund hätte sich Moses aber manch neckische Realismen sparen müssen, so die furchtbare Pantomime der rotgefieder- ten Hofdame, die den künstlichen Falken auf das Spiel der Streicher im Graben hinweist, oder die hinterm Busch ruckelnden Mönche und Hofdamen. Das Kostümgemisch von Adriana Braga Peretzki sieht leider oft mehr nach Karneval aus. Annett Hungers Ausstattung bietet vor allem weiße durchscheinende Plastikplanen für den sterilen Überwachungsstaat des spanischen Hofes, ergänzt um Terrarien für Reliquien, Pflanzen oder Kunstwerke, um die Spielorte zu charakterisieren. Das bleibt manchmal schon arg karg. Intime Szenen platziert Moses denn auch oft an der Rampe.

Angesichts von Verdis musikalischem Freundschafts- und Freiheitspathos für Carlos und seinen Vertrauten Marquis von Posa kommt sie dabei über stereotype Schulterklopferei nicht hinaus. Überhaupt wird Posa bei ihr vom Anstifter zum erfolglosen Diplomaten mit Aktentasche, dem Eugene Villanueva einen sehr tiefensatten, in der Höhe nicht ganz so leuchtenden Bariton leiht. Eduardo Aladrén als Carlos trumpft dagegen mit sehr klangvollem, ungefährdetem, manchmal etwas schluchzigem Tenor auf. Den König Philipp zeigt Ernesto Morillo mit mal herrschsüchtig aufbrausendem Bass, aber auch vielen leisen, zuweilen zu leisen Tönen, da ist er etwa in der stammelnd begonnenen Einsamkeitsarie manchmal kaum zu hören. Mit rauem Bass setzt ihm Luciano Batinic als Großinquisitor den Kopf zurecht.

Der neue Generalmusikdirektor Srba Dinic gibt dabei in der aufmerksamen Sängerbegleitung gern solistischen Passagen von Cello oder Oboe Raum, lässt Verdi mit dem Staatsorchester stets kraftvoll emotional klingen, mit den zwischen Staatsmacht und Revolution schwankenden Chören auch mal schmetternd-imposant.

Das Publikum im endlich wieder bis zum dritten Rang gefüllten Großen Haus zeigte sich von Anfang an begeistert, jubelte viel dazwischen und auch am Ende anhaltend für Musik wie Szene.

Die neue Intendantin Dagmar Schlingmann hat zwölf Vorstellungen angesetzt. Nun mögen die burgplatzentwöhnten Opernfans der Region strömen.

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