Premiere: Werthers Liebestod im Braunschweiger Staatstheater

Braunschweig  Das Staatstheater Braunschweig erlebte eine umjubelte Premiere von Jules Massenets Goethe-Oper in romantischen Bildern.

Überwältigend, diese Musik. Was Jules Massenet in seinem „Werther“ orchestral entfesselt, ist aufwühlende Romantik, hochdramatisch und harmonisch kühn, allenthalben auf den Spuren Wagners, den er verehrte, und Goethes, dessen melancholische Hauptfigur er hier in ihrer modernen Zerrissenheit ausmalt.

Christopher Hein am Pult des Staatsorchesters geht an diesem mitreißenden Premierenabend in die Vollen, stellt die finsteren Akkordballungen des Vorspiels kantig in den Raum, lässt die klagenden, zunächst drängenden Streicherfiguren schmerzlich versie- gen, um dann das weiche Liebesthema verheißungsvoll auszuschöpfen.

Dramatische Orchesterwogen

Das Vorspiel zum dritten Akt mit seinen einsamen Streichertiefen und dann dem stürmischen Andrängen erinnert an Passagen der verlorenen Liebes-Geschwister in der „Walküre“, erst recht im Aufrauschen des vierten Akts, der mit Werthers Selbstmord startet, welcher von einer Art nervösem Waldweben unterlegt wird.

Es ist fantastisch zu sehen, wie Hein mit deutlichen, auf Präzision drängenden Gesten den Orchesterapparat aufpeitscht, emphatisch die Steigerungen herausfordert, die Motivarbeit dabei aber nicht verwischt, sondern hart herausgedonnerte Akkorde, seufzende Streicherfiguren, melodische Ausfaltungen klar zur Geltung bringt.

Massenets durchkomponiertes Seelendrama gewinnt zusätzlich durch die auf vier Sänger komprimierte Fassung, die Kinderchor und Nebenfiguren weglässt und so die ablenkenden Reste der komischen Oper beseitigt.

Regisseur Benjamin Prins lässt zudem eine düster-romantische Stimmung à la Edgar Allen Poe walten, wenn die Vorhänge des offenen Fensters wehen, Werthers Selbstmord im Schattenspiel schon zur Ouvertüre sichtbar wird, eine Leiche auf der rotglühenden Drehbühne liegt.

Die Natur bleibt in Thomas Kurt Mörschbachers Bühnenbild durch die transparenten Wände von Charlottes Haus die ganze Oper hindurch sichtbar. Immer wieder öffnen sie sich, geben Ausblick in die natürliche Freiheit, lassen Rosenblätter oder Schneeflocken hereinwehen. Aber Charlotte, wiewohl sie Werthers schwärmerische Liebe erwidert, will ihrer Vernunftehe mit Albert treu bleiben.

Zum Sterben in die Natur

Und so treibt es den von Weltschmerz und enttäuschter Liebe gemarterten Werther bei Prins am Schluss zum Sterben wieder hinaus in die Natur, nicht in die Schreibkammer wie im Textbuch. Nachdem er sich tödlich verwundet hat, liegen und schweben die gefällten Stämme des Waldes waagerecht im Raum, ein surreales Bild für den Übergang in ein neues Reich, in dem er nun liebende Erfüllung erwartet. Abweichend von Goethes Briefroman darf Werther bei Massenet in den Armen der doch noch herbeigeeilten Charlotte sterben. Sie feiern Liebestod wie in Wagners „Tristan und Isolde“.

Prins lässt dazu klug den Weihnachtsbaum hinter Werther erstrahlen. Die Rufe der Heiligen Nacht erschallen, und der Sterbende singt von dem neuen Leben, das in der Christnacht für alle beginnt. Da schreitet er noch auf Charlotte zu. Doch es wird nicht mehr von dieser Welt sein, er bricht tot zusammen. Hier lässt Massenet immerhin die Gnade von oben aufscheinen, während Goethe die bigotte Gesellschaft mit den kalten Schlussworten entlarvt, dass dem Selbstmörder kein christliches Begräbnis erlaubt wurde.

Auch Massenet endet dann allerdings mit einem harten Schlag, und Prins lässt die Kinder von außen eher spöttisch lachen. Deren Einführung als krakeelende Kids mit modernen Spielzeugen konterkarierte schon eingangs die eigentlich romantische Atmosphäre seiner Inszenierung. Zu oft wird auch zum Cognac gegriffen. Überzeugender ist das Körperspiel, wenn etwa Werther sich unglücklich über den Boden rollt, da wird eine Stimmung konsequent in Bewegung übersetzt.

Sophie als älteste Schwester der Kinderschar fällt durch allzu aufreizende Kleider aus dem Rahmen. Ekaterina Kudryavtseva singt sie mit Koloraturcharme und übernimmt auch die Weihnachtsgesänge. Als Albert, der schon bald ahnt, was zwischen seiner Frau und Werther brennt, gibt Peter Bording mit kraftvollem Bariton den Rechtschaffenen.

Eric Fennell gestaltet mit geschmeidigem Tenor die Titelpartie, die gut gerundete Stimme geht auch harmonisch in kraftvolle Spitzentöne wie im Ossian-Duett über, behält dabei schön lyrische Weichheit. Als Charlotte liefert Anne Schuldt das sensible Porträt einer zunächst beherrschten, sich im Verlauf doch der Liebe öffnenden Frau. Ihr Mezzosopran klingt füllig glutvoll und weiß Werther im Tode weich zu umfangen.

Starker Applaus und Bravos für eine sehenswerte Produktion des dramatischen Musiktheaters.

Wieder am 5., 11., 19., 21. Februar. Karten: (0531) 1 23 45 67.

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