Sonneborn: Wir überholen gerade die NPD

Braunschweig  Martin Sonneborn, Satiriker und Partei-Chef, feiert politische Erfolge in Braunschweig. Im INterview erzählt er von seiner Motivation.

Der frühere „Titanic“-Chefredakteur Martin Sonneborn ist einer der profiliertesten deutschen Satiriker und seit einiger Zeit auch als Politiker erfolgreich. 2004 gründete er Die Partei als realsatirisches Projekt, vor zwei Jahren zog er für sie ins Europaparlament ein. Am Sonntag, 18. September, ist der 51-Jährige im Staatstheater Braunschweig zu Gast. Vorab sprach Florian Arnold mit ihm.

Die Partei hat einen historischen Erfolg errungen, vielleicht den bisher bedeutendsten, ein Ratsmandat in Braunschweig…

Entschuldigung, aber das ist lediglich der zweitwichtigste Erfolg der Partei. Wichtiger war das Mandat in Göttingen. Ich habe gerade den NPD-Europa-Parlamentarier Udo Voigt getroffen und ihm erklärt, dass die NPD es nicht in den Göttinger Rat geschafft hat, weil stattdessen Die Partei eingezogen ist. Wir hatten 30 oder 40 Stimmen mehr. Das hat ihn sichtlich schockiert, dass die NPD mittlerweile selbst von Der Partei überholt wird.

Das klingt ziemlich ernsthaft. Will Die Partei tatsächlich mehr erreichen, als sich als satirische Spaßpartei zu profilieren?

Profilierung als Spaßpartei ist eine bösartige Interpretation. Der Machtanspruch der Partei ist authentisch. Wir sind immerhin bis ins Europaparlament gekommen. Ich hoffe auch, dass die Machtübernahme in Berlin jetzt klappt, auch wenn wir bei den U 18-Wahlen lediglich etwas enttäuschende drei Prozent erreicht haben.

Zurück zu Braunschweig. Kennen Sie Ihren hiesigen Spitzenkandidaten Maximilian Hahn?

Nein, nur von Bildern aus Facebook. Er macht einen sehr seriösen Eindruck, seriöser als die meisten Kandidaten der Altparteien. Ich freue mich darauf, ihn am Sonntag kennenzulernen.

Was werden Sie dem künftigen Ratsherrn mit auf den Weg geben? Wie soll er sich einbringen, welche Ziele soll er verfolgen?

Es interessiert mich wenig, was ein Partei-Mann im Rat einer Kleinstadt wie Braunschweig tut. Ich würde ihm empfehlen, an der Machtübernahme zu arbeiten, die herkömmlichen Parteien zu diskreditieren und darauf zu setzen, dass immer mehr Protestwähler dann nicht AfD wählen, sondern Die Partei. Wir haben das Land ja aufgeteilt. Die Dümmeren wählen AfD, die Intelligenten Die Partei.

Wir haben in Krefeld, Lübeck und Freiburg Leute, die schon länger im Rat sitzen. Das ist immer ein Ritt auf Messers Schneide, ob man sich satirisch betätigt oder ob man versucht, vernünftige Lokalpolitik zu machen. Ich glaube, die Hälfte der Leute tut Zweiteres.

Was ist vernünftige Politik? Straßen ausbauen, Schulen sanieren?

Wir haben ein lustiges Wahlprogramm, in dem wir beispielsweise für eine Faulen-Quote eintreten oder das Notabitur. Das sind populistische Forderungen. Wir haben aber auch ein verstecktes ernstes Programm, weil der Bundeswahlleiter das damals gefordert hat. Das ist ein sehr humanistisches Programm, das wir bei den Grünen abgeschrieben haben, als die noch idealistisch waren. Wir haben es modernisiert und mit FDP-Elementen aufgepeppt. Und wir stehen für ein soziales Miteinander, wie es die früheren Sozialdemokraten vertreten haben...

Wovon hängt es ab, ob Ihre Mandatsträger sich satirisch oder konstruktiv einbringen? Ist es nicht unfair, ehrenamtliche Lokalpolitiker zu verspotten?

Das ist eine Charakterfrage. Es gibt sicher Mandatsträger, die mehr den Spaß im Vordergrund sehen. Das begrüße ich. Ich finde es aber auch ehrenwert, wenn unsere Leute vernünftige politische Arbeit machen. Es ist nicht das Ziel der Partei, Kreistage mit Satire zu überziehen. Wenn aber Kritik mit komischen Mitteln geübt wird, gefällt mir das natürlich.

Entspricht es den Tatsachen, dass Die Partei die AfD unterwandert und einen Teil der Äußerungen ihrer Spitzenpolitiker steuert?

Dem ist nicht so. Es gibt keine zwei Parteien, die weiter auseinanderliegen als die AfD und Die Partei. Nachdem wir in Wahlkämpfen immer wieder Spitzen gegen die AfD gesetzt haben – der Storch bringt die Kinder, die Storch schießt sie ab – dürfte die AfD das auch ahnen.

Nein, es ist schon sehr enttäuschend: Wir pflegen einen ehrbaren Populismus seit 2004, und dann kommt so eine dahergelaufene Spinner-Partei und läuft uns den Rang ab…

Sonneborns Lesung „Krawall und Satire“ beginnt am Sonntag um 19.30 Uhr im Großen Haus. Karten ab 20 Euro gibt es u.a. unter (0531) 16606.

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