Das Musical "Hair" packt erst nach der Pause

Braunschweig  Das Revoluzzer-Musical "Hair" auf dem Burgplatz ist hübsch anzusehen, gewinnt aber erst nach der Pause an Dramatik.

Nach der Pause, da gewinnt dieser blümchenblusenbunte Musical-Abend an Eindringlichkeit. Da findet er zu packenden Bildern wie der Albtraumszene Claudes.

Inmitten der LSD-seligen, süß träumenden Hippieschar sieht sich der junge Amerikaner in Vietnam über ein Schlachtfeld stolpern. Aus Gräben erheben sich zombiehaft taumelnde Soldaten. Als der böse Rausch verebbt, wirkt Claude (Markus Schneider) den immer noch glückselig entrückten Hippiefreunden entfremdet. Mit der dauerbedröhnten Jeanie kann er nichts anfangen. Und Sheila, die er liebt, wendet sich immer wieder Berger zu (Tim Al-Windawe), seinem Freund, dem charismatischen Kopf der Hippie-Gruppe.

Trotz düsterer Vorahnungen entscheidet sich der introvertierte Claude als Einziges der Blumenkinder, seinen Einzugsbefehl nicht zu verbrennen. Und fällt wenig später. Zu dunkel groovendem Gospelrock, auf einer faltigen US-Flagge inmitten der erstmals hippieleeren Burgplatz-Bühne.

Da findet Regisseur Alonso Barros einen Zugriff auf das 68er-Revoluzzical „Hair“, da gelangt er zu spannenden szenischen Lösungen, nun endlich arbeitet er aus der dichten Folge der Songs eine Geschichte heraus.

Das lässt die Inszenierung in der ersten Hälfte vermissen. Die gestaltet das Ensemble wie eine Nummernrevue, wie einen bloßen musikalischen Bilderreigen in Regenbogenfarben. Barros und seine Kostümbildnerin Barbara Bloch entscheiden sich für eine historisierende Ausstattung, was zwar hübsch anzusehen, aber nicht sehr mutig ist. Es packt auch deshalb nicht richtig, weil die schönen jungen Darsteller in ihrer passgenau zurechtgeschneiderten Hippiemode kein bisschen dreckig wirken, abgefuckt, mit Street Credibility, sondern wie aus einem H&M-Retro-Fashion-Katalog entsprungen. Statt wie Aussteiger in New York eher wie Germanys Next Topmodels beim crazy Venice-Beach-Shooting.

Das Provokationspotenzial geht flöten

Seine explosive Wirkung bezog „Hair“ vor fast 50 Jahren aus seiner damals revolutionären Affirmation der Gegenkultur mitten auf dem Broadway, im Zentrum des US-Mainstreams. Drogen, freie Liebe, Kriegsdienstboykott, ja Totalverweigerung gegenüber dem American Way of War.

Bei einer nicht aktualisierten, rein musealen Aufführung geht natürlich jedes Provokationspotenzial flöten. Zumal auf dem Burgplatz auch sehr brav bühnenrevoluzzert wird, man sieht nicht mal eine bare Brust. Putzig, wie die da auf der Bühne angedeutet kopulieren, kiffen, die freie Liebe predigen und Esoterikstuss, so waren die freakigen Hippies damals. But that was yesterday, das hat nichts mit uns zu tun.

Dabei gibt es auch heute viele Hippies. Alle, die Flüchtlinge entschieden willkommen heißen, beispielsweise. Und es gibt aktuelle jugendkulturelle Codes und Themen. Doch auf dem Burgplatz tollen nur Model-Hippies umher und singen vom Zeitalter des Wassermanns, gegen den Vietnamkrieg, von Love and Peace und ihrer Verehrung für Mick Jagger (73).

Soul, Blues und Gospel zwischen Kunstrasenhügeln

Während das Bühnenbild mit ein paar Kunstrasenhügeln und Ölfässern wenig inspiriert wirkt, ist die musikalische Präsentation einwandfrei. Galt MacDermots kraftvolles Gemisch aus Soul, Blues, Folk und Gospel bringt die neunköpfige Band um Leiterin Johanna Motter am Keyboard präzise und druckvoll rüber. Aus der Reihe der jungen, attraktiven Sänger stechen Alvin Le-Bass als Hud und Nathalie Parsa als Sheila heraus. Auch die Hauptdarsteller Schneider (Claude) und Al-Windawe (Berger) wissen zu gefallen, wie das Ensemble insgesamt, das auch die recht abwechslungsreichen Choreografien von Regisseur Barros gewandt umsetzt.

So gibt es vor der Pause zumindest immer wieder hübsche Anblicke, und hinterher auch ein bisschen Dramatik. Der Abschlusshit „Let The Sunshine In“ reißt dann alle mit, und am Ende bejubelt das Premierenpublikum Darsteller, Regie und den lauen Sommerabend lauthals.

Bis zum 31. August fast täglich auf dem Burgplatz. Restkarten ab 24 Euro u.a. unter konzertkasse.de.

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