Die vielen Wahrheiten des Zweiten Weltkriegs

Braunschweig  Antoine Laubin inszeniert fürs Staatstheater ein Stück mit einem internationalen Ensemble.

Der Zweite Weltkrieg, erzählt aus der Verlierer- und aus der Siegerperspektive, das schwebte Antoine Laubin vor, als er vorschlug, Jean-Marie Piemmes Stück „Szenarien“ in Braunschweig mit Schauspielern des Staatstheaters und freien Akteuren aus Belgien zu erarbeiten.

Laubin lebt in Brüssel und wurde beim Fast Forward Festival 2013 in Braunschweig mit einem Produktionsauftrag geehrt. Damals zeigte er in „Dehors“ (Draußen), wie die Existenz von Clochards unserem Gesellschaftssystem nützt: ihren sozialen Abstieg durch alle Sozialsysteme hindurch vor Augen, wage keiner mehr den Aufstand und nehme persönliche Stress- und Krisensituationen lieber in Kauf.

In Piemmes Stück geht es um eine Gruppe von Drehbuchschreibern, die ein Filmskript über Lebensläufe aus dem Zweiten Weltkrieg erfinden sollen. Es entstehen verschiedene Szenarien, die Schauspieler wechseln zwischen der Rolle als Drehbuchschreiber und den Figuren aus diesen Drehbuchvorschlägen hin und her. Als letztere sprechen sie Englisch.

Als Drehbuchschreiber spricht jeder seine Muttersprache. Dafür gibt es deutsche Übertitel. Auch die Proben fanden auf Französisch und Deutsch mit Simultanübersetzer statt. „In seiner Muttersprache drückt man sich eben doch spontaner, genauer aus, das wäre verloren gegangen, wenn wir in unserer gemeinsamen Fremdsprache Englisch geprobt hätten“, sagt Laubin.

Die Idee mit dem gemischten Ensemble war seine Erfindung. „Wir suchen uns unsere Nationalität nicht aus und können nichts für die Vergangenheit, die mit ihr verbunden ist. Aber sie prägt uns nun mal. Das kollektive Bewusstsein der Deutschen ist von Schuld geprägt, mit den Konsequenzen, die das auslösen kann. Ich kenne das Kriegsgeschehen aus den Erzählungen meiner belgischen Großeltern. Das Stück gab mir die Chance, mit den deutschen Kollegen über das Thema zu sprechen. Am Ende hatten wir sehr verschiedene Blickwinkel, weil die Schauspieler mit ostdeutscher Vergangenheit auch noch anders dachten als die westdeutschen. Und in unserer belgischen Crew ist eine Französin mit jüdischer Herkunft.“

Wie in dem Stück, wo nur anfangs die Rollen klar unterschieden sind, hätten sich so auch die vermeintlichen Wahrheiten und kollektiven Bilder immer mehr verwischt. Ist das mit den Schauspielern als Drehbuchautoren und Figuren dieses Drehbuchs nicht auch etwas kompliziert? Laubin ermutigt: „Man kann es auch als Geschichtenerzählen rund um einen großen Tisch auffassen.“

Sechs Wochen hat der 35-Jährige nun fernab von Frau und Kindern geprobt. Das Kollektiv war zusammen in Bergen-Belsen und hat sich Edgar Reitz’ Serie „Heimat“ angeguckt. Als Filmstudent hat Laubin auch mal begonnen, bevor ihn unter anderem die Begegnung mit dem Autor Piemme auf das Theater lenkte.

Für eine Theater-Zeitschrift schreibt er auch Kritiken. „Wir reden in den Kantinen so viel über unsere Arbeiten, aber nie wenn der Betroffene dabei ist. Eigentlich verkehrt. Ich kann oft mit negativen Kritiken mehr anfangen als mit Lob“, sagt Laubin. Na dann.

Premiere heute, 20 Uhr, im LOT-Theater. Vorstellungen bis 22. Mai. Karten: (0531) 1234567.

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