Hier wird der Gekreuzigte zum Armenier

Bilder des Malers Asadur Asadian in der Michaeliskirche und der Jakob-Kemenate erinnern an den Völkermord am armenischen Volk.

Gestern Abend war die Eröffnung. Die Polizei war informiert. Ob er mit Aggressionen gegen seine Ausstellung rechne, habe ich den armenischen Künstler Asadur Asadian am Vormittag gefragt. „Ich hoffe nicht,“, antwortete er, „aber möglich ist es.“

Das Lebensthema des 1951 in der Türkei geborenen Armeniers, der als freier Künstler in Braunschweig lebt, ist der Völkermord, den die Türken vor 100 Jahren am armenischen Volk begangen haben. Und wenn man ihm in der kühlen, von der Frühlingssonne durchflirrten Michaeliskirche gegenübersteht, merkt man dem Mann die Erregung über das furchtbare historische Unrecht an. „Es tut weh, dass die Türken den Mord an 1,5 Millionen Armeniern seit 100 Jahren leugnen! Dass sie die eigene Bevölkerung belügen! Dass sie in die Schulbücher schreiben, wir Armenier seien die Täter gewesen...“

Er erlebte die Bemühung des türkischen Staates, die Spuren der Armenier zu tilgen, am eigenen Leib. Allein aufgrund seines Namens sei er drangsaliert worden. „In meiner Militärzeit sagte ein Offizier, als ich meinen Namen nannte: ,Solche Bakterien vergiften die ganze Kaserne’.“

Für Asadur Asadian, der an der HBK bei Roland Dörfler studiert hat, steht fest: „In dieses Land möchte ich nicht zurück.“ Zumal es unter Präsident Erdogan immer islamistischer und nationalistischer werde: „Für den ist ,Armenier’ ein Schimpfwort.“

Asadian bezeichnet sich nicht als politischen Künstler. „Ich male an gegen meine Albträume, gegen das Vergessen, gegen das Verzweifeln.“ Die Kunst habe ihm geholfen. „Ich habe keinen Hass. Auch gegen die Türken nicht.“

Diskutieren will er über das Thema aber nur mit solchen, welche die Schuld der Türkei an dem Massenmord anerkennen. Dafür lohne es sich, weitere 100 Jahre zu kämpfen. „Wir sind doch Nachbarn, die beiden Völker müssen irgendwann zu Freunden werden!“

Dabei hat er trotz allem eine kleine Hoffnung. Es gebe eine schmale Schicht türkischer Intellektueller, die gegen die Verleugnung ankämpften. „Ein türkischer Historiker sagte mir einmal: ,Ihr habt es doch einfacher. Ihr sagt: Der Joghurt ist weiß. Wir müssen behaupten: Er ist schwarz...’“ Will sagen: Alle Welt weiß um den Völkermord, nur die Türken bestreiten ihn.

Seinen Bildern sieht man die Dörfler-Schule an. Wie der Professor zeigt Asadian drastisch die geschundene Kreatur. Abgeschlagene Köpfe, gefesselte, gefolterte, schmerzgepeinigte Körper, Menschen auf der Flucht, eingezwängt in Verstecken, in Booten, in Betten. Ein Gekreuzigter verweist auf die christliche Tradition der Armenier – und wird einer von ihnen.

Asadian malt in einem harten, pathetischen, kraftvoll expressionistischen Stil, der unmittelbar begreifbar ist und zu erschüttern vermag. Die Räume meist düster, klaustrophobisch. Ausweglos. Gesichter verschattet. Schlierig verlaufende Farben auf pastos hingewuchteten Pinselhieben.

So steht in seinen stärksten, trotz des historischen Themas leider zeitlos aktuellen Arbeiten die armenische Passion für die gequälte Menschheit schlechthin.

„Never again – Eine armenische Passion“, bis 9. Mai in der St. Michaeliskirche und der Jakobskemenate.

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