Der stille Kampf um die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

Braunschweig  Der renommierte Historiker Jay Winter eröffnete in Braunschweig eine Konferenz über das Weltkriegs-Gedenken.

Lachende Gesichter zu Kriegsbeginn: Deutsche Truppen überschreiten im August 1914 siegesgewiss die französische Grenze.

Lachende Gesichter zu Kriegsbeginn: Deutsche Truppen überschreiten im August 1914 siegesgewiss die französische Grenze.

Foto: dpa (2)/Peter Sierigk

Wer hat den größten Einfluss auf die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg? Historiker sind es nicht – meint der renommierte, aber offensichtlich wenig eitle amerikanische Geschichtswissenschaftler Jay Winter. Sondern: „Großmütter, die wichtigsten Agenten der Erinnerung.“

Mit pointierten, teils überraschenden Thesen eröffnete der Historiker von der Yale-Universität am Montagabend eine international besetzte Konferenz im Braunschweiger Georg-Eckert-Insitut für Schulbuchforschung. Sie kreist um die Fragen, wie sich die Menschen in Deutschland, Europa und dem Rest der beteiligten Welt an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts erinnern, und wer diese Erinnerung steuert.

Nach Meinung Winters wird die Sicht auf den Krieg bisher vor allem von Erzählungen geprägt, die in persönlich verbundenen Gruppen weitergegeben werden: Familien, Angehörigenverbände, Freundeskreise.

Allerdings stehe die Erinnerungsgeschichte an einem Scheidepunkt: Die letzten Zeitzeugen sind gestorben, die Phase der „kommunikativen Erinnerung“ münde in das „kulturelle Gedächtnis“ von Gesellschaften.

Auf das wirkten auch andere Kräfte. „Erinnerung ist auch ein gutes Geschäft“, sagte Winter. Gerade in Jubiläumsjahren. Reiseveranstalter von Kanada bis Australien böten Touren zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs an; tausende britische Schüler würden Studienfahrten nach Frankreich antreten. „Die größte Invasion seit der Landung in der Normandie steht bevor“, scherzte Winter. Läden vor Ort und Internetshops priesen Devotionalien aus dem Ersten Weltkrieg an.

Auch Regierungen versuchten, die Erinnerungswelle auf ihre Weise zu nutzen. In England etwa gebe es eine Kontroverse um den Vorstoß des konservativen Regierungschefs David Cameron, Gedächtnisveranstaltungen positiv als Nationalfeiern zu deklarieren.

Die sozialistische Regierung in Paris hingegen habe Familien von Veteranen und verbündeten Kriegsteilnehmern weltweit zur Zusendung persönlicher historischer Dokumente aufgerufen. Dabei gehe es Paris auch darum, die von der konservativen Vorgängerregierung desavouierte Idee des Multikulturalismus in ein neues Licht zu setzen, so Winter.

Er selbst habe in einer Kommission mitgearbeitet, die die Dokumente sichtete. „Dabei ist mir aufgefallen, dass praktisch niemand mehr den Begriff ,Märtyrer’ statt ,Opfer’ benutzte.“ Das sei bezeichnend für eine weitgehende Abkehr vom Krieg in westlichen Gesellschaften.

Winter, der unter anderem für die amerikanische Sendergruppe PBS eine preisgekrönte Dokumentation über den Ersten Weltkrieg mitproduziert hat, appellierte an die Verantwortung von Historikern, das „kulturelle Gedächtnis“ mitzugestalten. Er habe sich etwa einmal vehement dagegen gewehrt, eine Sendung „Das große Schlachten“ auf Wunsch der Programmmacher in „Das große Opfer“ umzutaufen.

Es gebe, pointierte der US-Professor, übrigens nur zwei Sorten von Historikern: „Solche, die einen politischen Standpunkt haben, und solche, die ihn verschweigen.“

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