Vom Anhimmeln des Krieges

Braunschweig  Ernst Piper spürt in „Nacht über Europa“ Kriegserfahrungen von Künstlern nach.

Ein Truppführer mit Fernglas kauert 1915 mit seinen Soldaten an einem Waldrand an der Westfront.

Ein Truppführer mit Fernglas kauert 1915 mit seinen Soldaten an einem Waldrand an der Westfront.

Foto: dpa

1914 hatte Gerhart Hauptmann schon den Nimbus des Literaturnobelpreisträgers mit sozialkritischem Durchblick, und der als Vater aufklärerischer Soziologie geachtete Max Weber war ein arrivierter 50-jähriger Professor.

Verblüfft liest man in Ernst Pipers „Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges“, wie begeistert beide den Kriegsbeginn begrüßten. „Denn einerlei, wie der Erfolg ist – dieser Krieg ist groß und wunderbar“, schrieb Weber. Hauptmann dichtete zur Einziehung des dritten seiner vier Söhne: „Komm, wir wollen sterben gehen. (...) Eh’ ich nicht durchlöchert bin, kann der Feldzug nicht geraten.“

Einige Millionen Tote später sind beide zu anderen Einsichten gelangt. Am fast 600 Seiten dicken Buch des Historikers Piper beeindruckt vor allem die Schilderung der kulturellen und politischen Grundstimmung in Deutschland – als fast alle im August 1914 glaubten, man könne bis spätestens Weihnachten Frankreich in die Knie zwingen.

Piper erzählt vom Weg vieler immer noch bekannter Schriftsteller, Maler, Wissenschaftler und anderer Intellektueller durch die vier Kriegsjahre. Einige marschierten ihn als Soldaten und verloren ihr Leben im Schützengraben wie der Maler Franz Marc. Andere wurden vom Erlebten psychisch krank wie Marcs Kollege Ernst-Ludwig Kirchner.

Vor allem auch Thomas Mann gehörte zu denen, die aus sicherer Entfernung die Kriegsbegeisterung ihrer Landsleute publizistisch noch zu steigern versuchten. „Er zieht nicht in den Krieg, sondern himmelt ihn aus der Ferne an“, zitiert Piper aus einer Mann-Biografie. Als einer von wenigen stellte sich der Anarchist Gustav Landauer von Beginn an auch mit der Feder dem in den Weg, was Piper die „bellizistische Hochstimmung der Dichter und Denker“ nennt. Landauer wurde 1919 in einem Münchner Gefängnis von Soldaten zu Tode getrampelt.

Piper arbeitet mit seiner auf Personen konzentrierten Darstellung auf beklemmende Weise die Verzahnung von Kunst, Publizistik und „Zeitgeist“ heraus: Wie Dichter und Denker monumentalen Fehleinschätzungen in einer Gesellschaft unterliegen, weil sie eben als selbstverständlich gelten, und wie sie diese durch ihre besondere Rolle noch verstärken.

Das Buch enthält neben den dominierenden Kapiteln über die Entwicklung in Deutschland kulturgeschichtliche Darstellungen zu anderen Ländern wie England, Frankreich, Russland, Italien, den USA, sowie zur Schweiz als Exil-Ort für Kriegsgegner.

Pipers Darstellung von Einzelschicksalen hätte vielleicht etwas kürzer ausfallen können. Sie bekommt bisweilen den Charakter einer Aufzählung. Mehr hätte man sich gewünscht über strukturelle Entwicklungen, wie etwa im Exkurs über die Organisation des „Kriegspressequartiers“ in Wien mit 880 Mitarbeitern, darunter viele Schriftsteller und Maler.

Propaganda-Aufgaben erfüllte, so Piper, auch das „altehrwürdige Kriegsarchiv“ mit Mitarbeitern wie Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig und Egon Erwin Kisch. Die entgingen so dem Fronteinsatz und wurden von Österreichs Regierung stattdessen mit der Aufgabe betraut, „die Phantasie des Volkes zu befriedigen und so die gute Stimmung zu erhalten.“dpa

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