Vom sexuellen Notstand in der arabischen Welt

Braunschweig  Die Journalistin Shereen El Feki greift in ihrem Sachbuch „Sex und die Zitadelle“ ein Tabuthema auf

Marwa Rakha ist die Kummerkastentante für die ägyptische Online-Generation. Jeden Tag erreichen sie auf Facebook oder per E-Mail Botschaften liebeskranker und verängstigter Jugendlicher, besonders viele junge Frauen bitten sie um Rat. Der Hunger nach Aufklärung ist riesig in einer Gesellschaft, die das Thema Sex tabuisiert.

Marwa Rakhas Online-Therapie oder auch das Radio für geschiedene Frauen, das die Moderatorin Mahasin Sabir ins Leben gerufen hat, werfen ein grelles Licht auf den sexuellen Notstand, der in vielen Teilen der arabischen Welt herrscht. Religion und Gesellschaft üben einen so starken Druck auf den Einzelnen aus, dass das Thema Sex vor allem von Angst, Unwissenheit und Scham besetzt ist. Das ist jedenfalls das düstere Bild, das Shereen El Feki in ihrem Buch „Sex und die Zitadelle“ zeichnet.

Die studierte Immunologin und heutige Journalistin sprach mit Kollegen, Journalisten, Ärzten und Beamten, vor allem aber auch mit ganz normalen Männern und Frauen. Dabei kam ihr zugute, dass sie als Frau mit westlichen und arabischen Wurzeln eine Grenzgängerin ist.

Shereen El Feki wuchs als Tochter einer Waliserin und eines Ägypters in Kanada auf. Später war sie Vizechefin einer UN-Kommission im Kampf gegen Aids. Shereen El Feki hat zwar ein klares westliches Wertemodell, sie vermeidet allerdings besserwisserische Überheblichkeit.

In einer fast schon witzigen Szene gleich zu Beginn des Buchs macht sie bei einem morgendlichen Kaffeeklatsch mehrere Freundinnen mit einem Vibrator vertraut, den sie als Kinderspielzeug getarnt durch den ägyptischen Zoll schmuggelte. Wichtiger aber sind die Ehegeschichten, die sie in großer Offenherzigkeit in diesem Kreis zu hören bekommt.

Es sind Geschichten von Ehemännern, die heimlichen Telefonsex mit der besten Freundin haben, die ihre Frau per SMS verstoßen oder sich eine quasioffizielle Zweitfrau zulegen.

Besonders absurd ist die Erzählung von einer Braut, die in der Hochzeitsnacht „einen Hauch von Eigeninitiative zeigte“. Ihr Mann war darüber so entsetzt, dass er sie aus dem Bett zerrte und auf den Koran schwören ließ.

Die „Zitadelle“ Ehe ist nach wie vor in arabischen Ländern der einzige abgeschottete Bereich, in dem Sex überhaupt legitim ist. Alles, was sich außerhalb davon abspielt, gilt als Unzucht. Die Folge ist eine Kultur der Heimlichkeit und Heuchelei.

Sex vor der Ehe, Homosexualität, Prostitution, Pornokonsum im Internet – all das gibt es natürlich, findet aber klammheimlich im Verborgenen statt, oft gepaart mit tief sitzenden Gefühlen der Angst und Schuld. Das war beileibe nicht immer so. In einem spannenden Kapitel macht uns die Autorin mit vergangenen freizügigen Zeiten bekannt. In der „Enzyklopädie der Lust“, die im 10. Jahrhundert in Bagdad erschien, wurden „abgesehen von Cybersex und Pornovideos“ alle erdenklichen sexuellen Praktiken behandelt. Nicht zufällig erschien dieses Buch, das einen Geist der Toleranz und Liberalität ausstrahlt, in der Hochblüte arabischer Kultur.

Zwischen Demokratie und Sexualität besteht nach Ansicht der Autorin ein unmittelbarer Zusammenhang. Denn die freie Entfaltung der Sexualität ist ein Menschenrecht, ohne die keine Demokratie denkbar ist, die ihren Namen verdient. Hat die arabische Revolution hier Fortschritte gebracht? Es wird einen Wandel geben, meint Shereen El Feki. Doch der wird lange dauern.dpa

Shereen El Feki: „Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt“. Hanser-Verlag, 416 Seiten, 24,90 Euro.

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