Ein Braunschweiger auf Shakespeares lyrischen Spuren

Braunschweig  Der Romanist Eberhard Kleinschmidt legt unter dem Titel „Stationen“ einen Zyklus von Sonetten vor

BRAUNSCHWEIG . Im Klappentext fällt als erstes ein Name: Shakespeare. Oha. Da legt einer die Latte gleich in maximale Höhe. Schauen wir mal, wie er drunter durch kommt.

Mit „Stationen – Sonette um Freundschaft und Liebe“ stellt sich der Romanist und ehemalige Dozent an der TU Braunschweig, Eberhard Kleinschmidt, bewusst in die Nachfolge des großen Briten. Sein lyrisches Ich ist ein einsamer Wanderer zumeist unter stürmisch bewölktem oder neblig verhangenem Himmel. „Und weiter treibt’s mich ruhelos voran“, hebt das erste der 154 Gedichte programmatisch an.

Das Ich reflektiert über Fremdheit und die Sehnsucht nach Nähe, über Einsamkeit in der Masse, über Augenblicke des Sich-Verstehens und der Innigkeit, die aber immer bedroht sind vom erneuten Sich-Entgleiten und Verlieren.

Aber Ende aber bleibt der Mensch doch stets allein, der Dichter zumal. Doch gab ihm sein Ich zu sagen, was er leidet. In Sonett 88 heißt es: „Ich falle runter/auch ich, und finde mich im Innern wieder, / wo mich verkapselnd, ich mein Ich verschließe,/... mir hingegeben, meinen Schmerz genieße,/ und ihn Sonett-geformt schreib’ schließlich nieder...“

Kleinschmidts Verse sind wenig welthaltig, statt dessen von unruhig-unglücklicher Innerlichkeit geprägt. Sprachlich allerdings mitunter fragwürdig. Nehmen wir die Zeile: „...wo mich verkapselnd ich mein Ich verschließe.“ Das ist zum einen doppelt gemoppelt (verkapseln – verschließen). Und zum anderen unlogisch: Das Ich schließt sein Ich ein? Wie geht das? Und wenn ja, wie viele?

Ein anderes Problem ist die oft arg zurechtgezwungene Wortstellung. Bestes Beispiel in Sonett 54: „An Bruders statt nehm’ ich dich an, den ich nicht habe,/ und einen, der wie du, schon längst gehabt gern hätt’“

Das klingt, mit Verlaub, wie eine Straßenbahn, die neben den Schienen herfährt – nicht nur an dieser Stelle. Dennoch nimmt man dem Autor die existenzielle Einsamkeit und die seelisch unbehauste Wolkenfetzen-Stimmung ab, bis am Ende der Wanderung adlergleiche Gelassenheit möglich scheint – und lässt sich in den besten Versen auch davon berühren. Von Shakespeares Genie ist all das weit entfernt – aber doch von einer sympathischen Redlichkeit im lyrischen Ringen mit sich selbst.

Eberhard Kleinschmidt: „Stationen“ Döringdruck, 166 Seiten, 9,80 Euro.

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