Die schönen Gips-Gespenster

Eine Ausstellung des Bildhauers Magnus Kleine-Tebbe in der Braunschweiger Martini-Kirche

"La Promessa", die Verheißung, vor dem Altar der Martini-Kirche.   

"La Promessa", die Verheißung, vor dem Altar der Martini-Kirche.   

Foto: Jasper

Wenn man die Martini-Kirche betritt, erscheinen einem die weißen Gestalten am Altar wie Gespenster. Da kommt einem eine prachtvoll proportioniert junge Frau entgegen mit nur einem zarten Schleier vor der Brust und einem wallenden Schleier hinter sich.

Mit steinernen Mienen blicken denn auch die Säulenheiligen Moses und Matthäus vom Altar her auf diese fast wollüstig dem Luftwiderstand hingegebene Schönheit. Aber ach: eben ein Gips-Gespenst nur.

Der Braunschweiger Bildhauer Magnus Kleine-Tebbe nutzt den Kirchenraum am Braunschweiger Altstadtmarkt zur effektvollen Inszenierung seiner Plastiken. Es sind vor allem Frauen.

Obwohl sie nicht eigens für den sakralen Raum gestaltet sind, deutet Kleine-Tebbe seine Gipsgrazien vor dem barocken Altar-Programm im christlichen Kontext – als Frauen unterhalb von Jesu Grab.

Das Walle-Weib ist "La Promessa", die himmlische Braut aus der Offenbarung des Johannes. Es ist wie schon seit jeher in der Kunst: Nacktheit, Sinnlichkeit, Erotik erscheinen in mythologischer Gestalt. Eine hohe, fast schmerzhaft in sich verdrehte Frau ist als Lots Weib zu deuten. Eine in sich gekehrt Kauernde ist Bathseba, die schuldbeladene Frau Davids.

Freilich bietet die Ausstellung auch Frauenfiguren ohne erotische Aufladung. Eine schwebende Schwangere kündet ganz kreatürlich vom Mutterglück. Eine sitzende Mariengestalt mit einer Taube auf der Hand erscheint als die Friedfertigkeit selbst. Eine Maria mit Kind, welches die Weltkugel in Händen hält, wirkt wie ein schlichtes Mutter-Kind-Monument.

Seitlich des Altars und weiter hinten im Kirchenschiff hat der Bildhauer lange Tische aufgebaut, auf denen er kleinere Werke positioniert. Zumeist Porträts, auch Akte. Es sieht ein bisschen aus wie in der Werkstatt – und manches ist auch danach.

Kleine-Tebbe ist ein Bildhauer der alten Schule. Einer, der das realistische Menschenbild noch nicht aufgegeben hat. Die Ausstrahlung seiner Figuren erreicht er durch Körperspannung und Gesichtsausdruck. Wobei sein künstlerisches Temperament eher gemäßigt erscheint. Die expressiven Übertreibungen etwa eines Jürgen Weber oder Alfred Hrdlicka fehlen.

Der Gefahr solch altmeisterlichen Handwerks freilich, dass die Figuren hinterher allzu glatt erscheinen, entgeht er zumeist, indem er an manchen Stellen deutliche Arbeitsspuren hinterlässt, raue, rohe, kantige Stellen, die reizvoll kontrastieren zu fein geschliffenen Oberflächen.

Innovativ im Sinne zeitgenössischer Kunst sind sie nicht, diese Gips-Gespenster. Aber schön.

Zu sehen bis zum 20. September.

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