Heizbares Haus für Frauen und Schätze

Erste Folge: Die Jakob-Kemenate in Braunschweig verbindet Mittelalter und Moderne

Im Land der Schlösser und Burgen finden sich auch noch etliche Zeugnisse des bürgerlichen Wohnens. Und natürlich eindrucksvolle Sakralbauten, die von der Bedeutung des Glaubens in der Region zeugen. In unserer Sommer-Serie wollen wir die wichtigsten Architektur-Objekte durch die Jahrhunderte hin vorstellen. Architektur-Professor Gerhard Auer und der Kunstgeschichtler Horant Fassbinder von der HBK erläutern sie uns im Gespräch.

Den Anfang macht ein Bauwerk aus dem Mittelalter: die Kemenate bei der Martinikirche. Sie entstand um 1250 und wurde 2006 durch den Architekten Rainer Ottinger saniert und mit einem Anbau zu einem herausragenden Beispiel neuer Architektur veschmolzen. Fachzeitschriften und Feuilletons loben diese Verbindung in höchsten Tönen.

"Kemenaten waren die steinernen Rückzugsräume der Patrizierhäuser", erklärt Ottinger selbst die Historie. Inmitten der aus Holzhäusern bestehenden Siedlungen waren sie feuerfeste Kompaktbauten, die beheizt werden konnten – das Wort Kamin steckt in der Bezeichnung Kemenate. Auer erinnern sie zudem an die trutzigen Schatzhäuser, die in allen Ländern zu den Wohnhäusern des besser gestellten Bürgertums gehörten. So barg das Braunschweiger Haus einst ein Leihhaus, aus dem später die Nord-LB hervorging.

Circa 150 Kemenaten hat es im Mittelalter in Braunschweig gegeben. Im Zweiten Weltkrieg brannte diese bis auf die Mauern aus, der Rest des Hofes wurde ganz zerstört. "Ich wollte die Enge wieder herstellen, die hier in Nachbarschaft zur Jakobskapelle herrschte. Entlang der alten Hofmauer haben wir daher den Anbau aus Stahl erbaut, die Fuge zur erhaltenen Kemenate aus Glas gestaltet", erläutert Ottinger.

Der Rost am Stahlbau ist ein Zeichen von Vergänglichkeit und gibt dem Neubau Patina, die der Würde der Kemenate entspricht. Der Künstler Jörg Plickat hat die Stahlplatten selbst angebracht, die nun mit seinen beiden Stelen in der Glas-Fuge korrespondieren. Sie heißen "Dialog" und nehmen Bezug auch auf die Wechselwirkung von Alt- und Neubau.

Innen wurden die alten Balken erhalten, die teilverputzten Wände nicht übertüncht. "Die Narben der Geschichte sollen sichtbar bleiben", sagt Ottinger. So wurde ein früher vermauertes Fenster mit zwei Säulen auch nur zum Teil freigelegt, eine Säule bleibt von innen eingemauert.

"Das ist ein vorzügliches Beispiel für eine Sanierung, die nicht rekonstruierende Absichten verfolgt und einen bestimmten Bauzustand künstlich wiederherstellt, sondern die Moderne als eine Bauphase unter vielen versteht", resümiert Auer. Als radikal und doch populär wird das Ergebnis nun überregional gelobt. Und auch dass die Kemenate weiterlebt: Der Unternehmer Jochen Prüsse nutzt sie als Kulturraum für Ausstellungen und Vorträge.

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