Baum mit Steckdose spendet Energie

HBK, TU Braunschweig und Hochschule Halle laden zur Kunst-Ausstellung "In den Wald" von Querum

Zwei Besucher an Aga Lisons Installation "HomeSweetHome".   

Zwei Besucher an Aga Lisons Installation "HomeSweetHome".   

Foto: Taylor

Wer im Querumer Forst die Einfahrt zum Institut für Elementares Formen findet, kann noch bis Sonntag einen spannenden Kunst-Spaziergang machen. 30 Studenten von Kunst, Architektur und Design aus Braunschweigs HBK, TU und der Hochschule Halle zeigen Objekte und Installationen in der Ausstellung "In den Wald".

Die Idee hatte die Bildhauerin und Professorin Azade Köker. Was ist denn das Thema? "Wald", sagt sie. Naja, einfach "Wald"? "Umwelt". Tja, scheint so eine Öko-Geschichte zu sein, aber dann sprudelt Azade Köker los und erzählt so intensiv und klug von urbaner Translokation und der Rolle des Phänomens "Wald" im "sozialen Gedächtnis", dass einem bald der Kopf schwirrt, aber sie bringt die Sache dann prägnant auf den Punkt: "Es geht nicht darum, was schön ist oder nicht, sondern Kunst soll Fragen stellen".

Dass Kunst trotzdem auch richtig schön sein kann, zeigt eine Arbeit von Seon Tae Hwang. Bezaubernd still liegen da etwas abseits des Weges zerbrochene Spiegelscheiben wie ein kleiner See im Wald, reflektieren Äste, Blattwerk und Gedanken. Man schlendert weiter und hört seltsame, aber bekannte Geräusche. Aus fünf schmalen Zylindern tönen verstärkt und getrennt aufgenommene Originalgeräusche des Querumer Forstes: fahrende Autos, Flugzeuge, Vögel, Schritte. Daniel van den Boom will Sinne und Wahrnehmung schärfen, zum bewussten Hinhören auffordern, und es gelingt ihm, eindringlich und gut umgesetzt.

Ausstellungseröffnung. Ein buntes Völkchen ist da: Studenten, Professoren – und Franz Hüsing, eine der Überraschungen des Abends. Auf seinen grünen geflochtenen Schulterklappen blitzt eine silberne Eichel. Der Forstdirektor leitet das Forstamt Braunschweig und ist begeistert von der Ausstellung. Der "Anwalt des Waldes" schwärmt von der Waldästhetik des 19. Jahrhunderts und wie schon im Barock die Förster Alleen und Parks gestalteten. Auch kritische Kunstwerke hier findet er gut.

Christoph Heise hat einen Hochsitz gebaut, vor dem Monitore stehen, auf denen sich der potenzielle Jäger selber sieht, Rollentausch im Täter-Opfer-Spiel. Hüsing freut sich ("Sie wollen wohl die Jäger auf den Arm nehmen?") und findets einen "interessanten Ansatz".

Gleich daneben haben Waldarbeiter ("aus Jux und Dollerei" unabhängig von der Ausstellung) mit der Motorsäge aus einem Baumstamm einen ganz erstaunlichen Elefanten gezaubert – im Querumer Forst scheint der Kunstsinn des Chefs sogar schon die Arbeiter ergriffen zu haben.

Wen man noch so alles trifft auf einer Kunstausstellung im Wald: Hennig Brandes, Landtagsabgeordneter der CDU, ist ganz privat hier. Der Grund: "In meinem ersten Leben war ich Forstbeamter", und außerdem kommt er aus Querum. Die Kunst-im-Wald-Idee findet er prima, schränkt aber entschuldigend und vorsorglich ein, dass er halt ein "Konservativer" sei und sich mit allzu moderner Kunst schwer tue.

Wir wissen es nicht, aber wahrscheinlich tut er sich auch mit dem Wald-Staubsauger schwer. Aga Lison heißt eigentlich Agnieszka und interessiert sich für den "Reinigungsaspekt". Sie studiert im 8. Semester Kommunikationsdesign an der HBK und hält die Unterscheidung zwischen Künstlern und Designern für albern und überflüssig.

Vielleicht erzählt sie deswegen so erfrischend von ihrer Arbeit "HomeSweetHome". Wie sie beim Thema "Der Wald und ich" spontan an eine Steckdose dachte ("Wald ist so’n Energieding") und wie man in der Natur Ruhe tanken und Energie schöpfen und sich reinigen möchte – flugs war die Staubsauger-Idee geboren, und zu ihrem eigenem Erstaunen gehen die Besucher zu ihrer Installation und fangen an zu saugen, so war’s gedacht, interaktiv.

Skurriles, Lautes, Meditatives – wer auf seinem Sonntags-Spaziergang mal außer frischer Luft auch frische Gedanken einsaugen möchte, sollte die Gelegenheit schnell nutzen. Wenn er die Einfahrt findet. Dort steht nämlich kein Ausstellungshinweis, sondern ein großes Schild "Naherholungsgebiet". Vorsicht, Ironie und Irritation! Kunst eben, und die soll ja Fragen stellen.

Zu sehen heute, 13-21 Uhr, und morgen, 11-17 Uhr, Einfahrt von der Bevenroder Straße 80.

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