Flucht in Kunst und Natur

Gilbert Holzgang zeigt ein Stück über den Braunschweiger Maler von Seckendorff

Selbstbildnis Götz von Seckendorffs von 1913.   

Selbstbildnis Götz von Seckendorffs von 1913.   

Foto: Holzgang

Seine Bilder springen einen sofort an. Leidenschaft steckt darin, Kühnheit und Dramatik und manchmal ein satirischer Zug. Da fordert in der "Versuchung" ein bildschöner Teufel mit zurückgelegtem Kopf, wehendem Lendenschurz und kraftvoll auseinandergestellten Beinen den hochmütig-streng in sich erstarrten Jesus heraus. Expressionistisch lodern die Farben und Gesten.

Das Selbstbildnis Götz von Seckendorffs, dieses mehrheitlich doch vergessenen Braunschweiger Malers, zeigt 1913 einen schönen Mann mit skeptischem Blick, hoher Stirn und etwas kecker Fliege. Ein sehr eigenständiger, schweifender Geist muss er gewesen sein, einer, der das Reisen liebte, mit seinem Freund Italien, Griechenland, Marokko erreichte, in Paris mit Claudel und André Gide verkehrte. 1914 war er schon tot, gefallen in einem Krieg, den er noch kurz zuvor als großen Wahnsinn bezeichnete.

Schul- und Militärzeit waren Fron, so hat es Gilbert Holzgang aus dem Briefwechsel Seckendorffs mit Mutter, Schwester, Bruder und Freund herausgelesen. Der Vater war früh gestorben. In seiner dokumentarischen Szenerie will Holzgang diesen erstaunlichen Charakter und bemerkenswerten Künstler wieder bekannt machen.

Staatstheater-Schauspielerin Annagerlinde Dodenhoff wird die Briefe der Mutter lesen, NDR-Moderator Hans Stallmach die Seckendorffs, während Jürgen Beck-Rebholz vom Staatstheater auf der Bühne des Lindenhofs den jungen Maler auch spielt. Dazu werden viele Werke Seckendorffs eingeblendet, die sein Neffe Karl von Wolff seit Jahren aufspürt und katalogisiert.

Seckendorffs Liebe galt der Literatur, den schönen Künsten, der Natur, in die er sich gern zurückzog. Seine Landschaften, auch die Pariser Stadtszenen wirken noch spätimpressionistisch, immerhin hat er in Worpswede bei Fritz Mackensen gelernt, dann in Paris bei Pierre Bonnard. Die freizügig karikierten Illustrationen zu den "Gefährlichen Liebschaften" von Choderlos de Laclos erinnern gar an Toulouse-Lautrec. Das Porträt der Mutter Therese könnte als früher Beckmann gelten. Auch von Wolff betont, dass Seckendorff, der ja mit 25 schon fiel, von den großen Kunstkritikern seiner Zeit wie Julius Meier-Graefe hoch geschätzt wurde.

Die Nazis dagegen rechneten ihn zu den "entarteten" Künstlern, entfernten zwei Werke aus dem Städtischen Museum in Braunschweig, andere gingen verloren, verbrannten im Krieg. In Braunschweig sind noch sieben Gemälde vorhanden, eins in der Hamburger Kunsthalle, die meisten der einst 3000 Grafiken und 350 Gemälde befindet sich nach wie vor in Privatbesitz. Die Braunschweiger Villa der Seckendorffs steht erhalten in der Gaußstraße 12. Ohne Plakette.

Politik schimmert selten durch bei Seckendorff, er spürte wohl den Umbruch, entfloh ihm aber in Kunst und Natur, vermutet Holzgang. Der im Kaiserreich hoch angesehene Name öffnete ihm freilich auch in Künstlerkreisen die Türen, auch international, betont von Wolff.

Das Private dringt mit Wärme und kontrolliertem Überschwang durch, besonders im Briefwechsel mit dem Freund Bernhard von Marwitz. Homoerotik, die sich in Kameradschaft auslebt? Manchen Frauen begegnet er schwärmerisch. Die plötzlich geschlossene Ehe bleibt kinderlos.

Vorstellungen am 10., 13.-15. und 20.-22. März, 19.30 Uhr, im Lindenhof Braunschweig. Karten: (0531) 4 94 91.

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