Der letzte Schritt braucht keinen Schuh

Gewebt, gedruckt, geschnitzt, gemalt: Susanne und Karl Schapers große Schau in Wolfenbüttel

Ein Leben lang verbunden. Krieg, Studium, Kinder, Kunst, Haupt- und Nebenwege. Nun, im 85. Lebensjahr zeigen Karl und Susanne Schaper in Wolfenbüttel ihre Kunst anlässlich des 30. Geburtstag des Kunstvereins, dessen Gründungsmitglieder sie sind. Sie, die Weberin, er, der Maler, Bildhauer, Chronist. Wissen die Wolfenbütteler, dass sie nach Lessing einen zeitgenössischen Schatz besitzen, der sie überdauern wird?

Ein Ehrenbürger hatte vor Jahren ein Museum vorgeschlagen. Das fehlt. Teil eins der Ausstellung beginnt im Schloss mit dem Gewebten, denn es war ein Teppich, mit dem die Schapers 1959 auf der Documenta 2 in Kassel und der Mailänder Triennale in die internationale Kunstszene einstiegen.

Während seine Holzobjekte, Malerei und Grafik in der Kunst- und Museumsszene längst einen Namen haben, sind die gemeinsamen Teppiche wenig bekannt. Es sind eigenwillige Meisterwerke, gewebte Bilder nach Art des Hauses, von der Abstraktion der 50er bis zu den ländlichen Stillleben aus Apelnsted. Sie erzählen vom Duft der Birnen, der Würze reifer Zwiebeln und Rüben im Herbst, von Wespen, Rosen und Wicken.

Nach ihrer Meisterprüfung studierte Susanne Schaper die Weberei in französischen Manufakturen. Karl Schaper, der nach dem Krieg in Düsseldorf, Paris und Kassel studierte, reizte an der Weberei der technisch bedingte Einsatz klarer Farben und Formen. Gemeinsam schufen sie ihre Jahresteppiche, in denen poetisch und handfest der Zeitgeist spürbar ist. Beeindruckend ist der letzte Teppich von 2005, mit dem der zweite Teil der Ausstellung beginnt. "Die Liebe dauert oder dauert nicht" ist auf kroatisch zu lesen und zwei buntgeflickte Mäntel im Wind symbolisieren eine Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Karl Schaper hat in Kroatien sein Kriegstrauma erlitten und überträgt seine Erfahrungen mythologisch verpackt in die Gegenwart. Exemplarisch finden wir Gewebtes, Gedrucktes, Geschnitztes, Gemaltes aus 50 Lebensjahren. Da ist der Riesenholzbrief mit einem geschnitzten Geschenk an Ovid im Exil.

Das altdeutsche Medium des Holzschnittes ist ihm so vertraut wie das zarte Aquarell. Wir finden als Druckfolge Dantes "Divina Comedia up plattdütsch" und großformatige Zeichnungen zum "Totentanz", ein geschnitzes Gesangbuch mit dem Gesang der Mutter Courage "...Wach auf du Christ!".

Wir finden auch hölzerne Handtücher und Unterhosen und dann die anrührenden Entdeckung dieser Schau: Wie ein Tagebuch füllen Aquarelle und Linolschnitte der letzten Jahre eine Wand. Täglich ein Blatt mit dem, was auffiel: eine Kastanie, ein Herbstblatt, ein Strandkorb auf Usedom, eine Zypresse in Kroatien, ein Wolkengebilde.

Ein melancholisches Tableau, hingetupft, mit Verweis auf die Endlichkeit allen irdischen Lebens: Das letzte Hemd braucht keine Taschen, der letzte Schritt braucht keinen Schuh. Und ein Brecht-Zitat: "ich weiß, daß die letzte Kammer schon leer steht..."

Tröstlich wirkt die kleine Installation mit rätselhaften Daten und acht Holzfigürchen. Es handelt sich Schutzengel, die an diesen Daten aktiv wurden. So viel Klarheit, Poesie, sperrig und zart, aber stets auch wache Warnung vor falscher Macht in einem vielschichtigen Werk entdeckt man kein zweites Mal.

Bis 13. November im Kunstverein und im Schloss Wolfenbüttel , Di.-Fr. 15-18, Sa./So. 11-13 Uhr.

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