Perfektes Wochenende: „Unser Fitnessstudio in der Natur“

Ilsenburg.  Leo und Said, beide 10 Jahre alt und gute Freunde, hatten die freie Wahl für ihr „perfektes Wochenende“: Sie wollten wandern im Ilsetal.

Das Wasser ist ein Grund, warum sich Leo (links) und Said im wildromantischen Ilsetal so wohl fühlen. 

Das Wasser ist ein Grund, warum sich Leo (links) und Said im wildromantischen Ilsetal so wohl fühlen. 

Foto: Katharina Keller

Handy-Daddeln und Playstation-Zocken mit dem besten Kumpel, die Lieblingsserie im Fernsehen rauf und runter gucken, Bolzen auf dem Fußballplatz oder ein Ausflug zum Baden an einen See oder zum Wandern in den Harz? Said und Leo, beide 10 Jahre alt und gute Freunde, hatten die freie Wahl für ihr „perfektes Wochenende“ in den Sommerferien. Die Antwort kam prompt – und ein bisschen unerwartet: „Wir wollen wandern!“

Das Ganze hat eine gewisse Vorgeschichte: Gleich am Anfang des Corona-Lockdowns im März, als für die Jungs von einem Tag zum anderen nicht nur die Schule, sondern auch ihr geliebtes Fußballtraining bei Eintracht Braunschweig wegbrach, hat Saids Vater den beiden mit einer Wandertour ein wenig Abwechslung in die Tristesse bringen wollen. Seither schwärmen die beiden vom Harz…

Die Wahl fällt aufs wildromantische Ilsetal

Strecke, Ziel, Zeit, Ausrüstung, alles durften die zwei allein austüfteln. Schnell fiel die Wahl auf das wildromantische Ilsetal mit seinen gewaltigen Ilsefällen und – ganz wichtig – zumindest dem Blick auf den Brocken. Genauso schnell war klar: Normale Handyfotos, nein, das reicht natürlich nicht für einen solchen Zeitungsartikel. Eine Actionkamera musste her, auch für coole Videos. Ach, und früh sollte es losgehen, auch wenn Said eigentlich im „Ferien-Modus“ erst später aufstehen mag. Doch das Duo wusste vom ersten Ausflug – die Parkplätze sind schnell voll, und heiß soll es zudem werden, an diesem 8. August.

Also, Aufstehen um 7.30 Uhr, Ankunft Ilsetal 9.30 Uhr. Und tatsächlich beginnt das Abenteuer mit einer Parkplatzsuche, denn wir sind ja in Sachsen-Anhalt, im selbst ernannten „Land der Frühaufsteher“. Dann aber geht es endlich los, mit Rucksack und Proviant auf dem Rücken.

Aber etwas fehlt: die Wanderstöcke. Kaum dass man sich versieht, sind die beiden im ersten Waldstück verschwunden und in Minutenschnelle zurück, mit zwei dicken Ästen. Vielleicht etwas zu groß, aber das passt schon… Wir Erwachsene sollen am besten vorgehen, damit wir nicht alles sehen, was die beiden so verhackstücken. Doch nach wenigen hundert Metern sind Said und Leo schon wieder gefragt: Gehen wir links oder rechts? Den breiten Feldweg oder den schmalen Stieg? Said: „Wir gehen links, der kleine Weg unter den Bäumen am Wasser entlang ist viel schöner.“

Der Blick auf den Brocken muss sein

Während andere Wanderer – der Harz ist ziemlich gut besucht an diesem Hitzesamstag in den Ferien – schnurstracks gen Brocken streben, stoppen die Jungs immer wieder mal am Wegesrand. Leo braucht unbedingt neues Wasser für seine Trinkflasche. Also flugs mal über Stock und Stein zur Ilse runter: „Schmeckt“, sagt er, nachdem er einen ordentlichen Schluck genommen hat.

Dann sagt Said plötzlich: „Hier müssen wir unbedingt Fotos machen, vielleicht drehen wir auch gleich noch ein Video.“ Hier, das heißt, an einer Stelle, wo Leo gerade erfolgreich einen ordentlichen Sprung von einer Flussseite zur anderen genommen hat.

Kurz danach liegt ein Baumstamm quer – während wir Erwachsene kurz drüber steigen, wollen die zwei ihre Kräfte herausfordern. Said: „Schaffen wir es, diesen Baumstamm zur Seite zu rollen?“ Unter den staunenden Blicken anderer Wanderer bewegt er sich tatsächlich ein wenig.

Gerastet wird, so ist es der Wunsch der beiden, auf dem „Plateau, wo man den Brocken sehen kann“, sagt Said. An der Hütte, wo es auch den Stempel gibt… und als wir da so in der Sonne sitzen, schwärmt der 10-Jährige weiter: „Ich bin so gerne im Harz. Das Wasser, die Luft, die Tiere und die Berge natürlich – das ist alles toll und viel besser als vor dem Handy zu sitzen und zu spielen. Da streitet man sich auch viel eher als beim Wandern.“

„Höhentraining“ – ein bisschen wie echte Profi-Fußballer

Und noch etwas macht die Berge reizvoll für die Jungs: „Wie hoch sind wir hier überhaupt?“, fragt Leo nicht ohne Grund. Beide spielen nämlich nicht nur irgendwie Fußball, sondern in einer Nachwuchsmannschaft von Zweitliga-Neuling Eintracht Braunschweig. Und sie wissen, dass auch die Profis sich in der trainingsfreien Zeit unter anderem mit Höhentraining fit halten. „Der Harz ist unser Fitnessstudio in der Natur. Die Mischung aus Sport und Ruhe gefällt mir“, erklärt Leo und schmunzelt. Sein Kumpel nickt zustimmend.

„Wollen wir weiter?“, fragt dieser, während er bereits aufgestanden ist und automatisch die Richtung vorgibt. Doch halt, da liegt doch glatt das Handy noch im Gras. Fast ist sie vergessen in dieser Naturidylle, die große weite Online-Welt.

Es geht wieder bergab. „Wie viele Kilometer sind wir schon gewandert?“, möchte Leo wissen. Aber nicht etwa, weil es langweilig wird, sondern weil die Jungs der Ehrgeiz gepackt hat. Sechs Kilometer sind es zu diesem Zeitpunkt.

Am Ende, als wir wieder am Parkplatz ankommen, sind es schließlich neun Kilometer. „Das war eine coole Tour, auch wenn ich echt schon jetzt meine Beine spüre. Ich krieg’ nämlich immer schnell Muskelkater“, sagt Said und fragt im gleichen Atemzug in die Runde: „Wollen wir das bald mal wieder machen?“ Bevor wir Erwachsene antworten können, grätscht Leo dazwischen: „Auf jeden Fall.“

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