100 Jahre ASB Helmstedt: Von Selbsthilfe-Idee zur Institution

Helmstedt.  Festredner Scherrieble enthüllt ein selbst dem ASB bislang unbekanntes Detail: das Gründungsdatum.

Festredner Joachim Scherrieble führte durch die Geschichte der Helmstedter Samariterbewegung.

Festredner Joachim Scherrieble führte durch die Geschichte der Helmstedter Samariterbewegung.

Foto: Markus Brich

Seinen 100. Gründungstag könnte der Helmstedter Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) gleich noch einmal feiern. Mit dieser Nachricht überraschte Festredner Joachim Scherrieble die mehr als 80 Gäste der Jubiläumsfeier im Helmstedter Schützenhaus.

Zwei Wochen lang hatte der Laudator für seinen Rückblick auf die Historie der Helmstedter Samariterbewegung und Arbeitergeschichte Zeitzeugengespräche geführt und akribisch die Akten des Wohlfahrtsverbandes und Zeitungsartikel durchforstet – und dabei das Detail entdeckt, das selbst die ältesten Fahrensleute des Kreisverbandes nicht kannten: das exakte Gründungsdatum der ersten Helmstedter Samariter-Kolonne.

„Es war der 3. November 1920“, enthüllte Scherrieble am Freitagabend im Kreisjägerhof. Gründungsvorsitzender war Zimmermann Wilhelm Kühnen, verheiratet, Vater einer Tochter. „An jedem Ort zu jeder Zeit sind wir zur Ersten Hilf bereit“ lautete der Wahlspruch, den sich die Helmstedter Kolonne gab.

Sie entsprang der lebendigen Arbeiterkultur, die sich Ende des 19. Jahrhunderts durch die zunehmende Industrialisierung entwickelte. Zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs erkannte das Arbeitermilieu: „In Zukunft wird nicht mehr die Kugel den Leib zerschmettern, wohl aber die Maschine“.

Die Kriegsmüdigkeit schlug sich auch im Selbstbild der Samariter nieder: „Diszipliniertes Auftreten und besseres Erkennen“ stand in der Diskussion um die Uniformfrage dem Militarismusvorwurf gegenüber. „Anzunehmen ist, dass die Helmstedter es zunächst bei Armbinden, Brosche und Anstecknadeln beließen“, erklärte der Festredner. Und bis heute verzichtet der ASB bei seiner Einsatzkleidung auf Rangabzeichen.

Mit Bereitschaftsdiensten, sogenannten „Wachen“, und Erste-Hilfe-Kursen nahmen die Helmstedter Samariter vor 100 Jahren ihr ehrenamtliches Engagement im Dienste der Arbeiter auf – und trieben zugleich innerverbandlich die Expansion, politisch die Vernetzung und medizinisch die Professionalisierung voran. Zu tun gab’s für sie reichlich, nicht nur auf dem Werksgelände der Braunschweigischen Kohlenbergwerke.

So belegt eine Bilanz aus dem Jahr 1924, dass die bis dahin auf 683 Mitglieder angewachsene Samariter-Kolonne bei 752 Unfällen zu Hilfe eilte. „Ende 1931 leisteten die Helmstedter Samariter dann in fast allen größeren Betrieben der Stadt und der Umgebung ehrenamtlichen Dienst. Es gab drei ständig besetzte Unfallmeldestellen, fünf Hilfs- und 15 Helferstationen“, dokumentierte Laudator Scherrieble aus der Erfolgsgeschichte des ASB, die mit dem Verbot durch das Nazi-Regime am 28. März 1933 jäh endete.

„Mitglieder wurden von der SA ins Braune Haus, der Helmstedter Parteizentrale, gebracht und dort geschlagen“, erinnerte Scherrieble.

Der Emmerstedter Walter Schünemann, Vater des heutigen ASB-Vorsitzenden und Emmerstedter Ortsbürgermeisters Hans-Jürgen Schünemann, war die Keimzelle der neuen Samariterbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 15. Juni 1957 gründete er mit 15 Samaritern den ASB-Stützpunkt Emmerstedt, der in kurzer Zeit auf 86 Mitglieder wuchs.

„Walter Schünemann hat alle verrückt gemacht, er war wirklich der alleinige Motor“, zitierte Scherriebel aus einem Zeitzeugengespräch mit Horst-Werner Bangemann.

Was 1957 mit einem alten, grünen Ford und einem Lagerraum in Barmke begann, hat heute mit der Einsatzzentrale im Windmühlenberg und rund 2100 Mitgliedern wieder eine Größe erreicht, die aus Helmstedt nicht wegzudenken ist.

„Was die Arbeitersamariter der zweiten Generation sich – ohne von den Leistungen ihrer Helmstedter Vorkämpfer im Einzelnen zu wissen –, sich in eigener Verantwortung erstritten, erübt und erarbeitet haben, ist nicht hoch genug wertzuschätzen“, betonte Scherrieble. Trotz erneut recht widriger Rahmenbedingungen habe sich der heutige ASB-Kreisverband zu einem unabhängigen, parteipolitisch neutralen und konfessionell ungebunden Wohlfahrtsverband gemausert – mit qualifiziertem Krankentransport, Hausnotruf, Fahrdiensten, Erster- Hilfe-Ausbildung, Schulsanitätsdienst und Sanitätsdiensten, Wünschewagen und Schneller Einsatz-Gruppe, Katastrophenschutz, Rettungshundestaffeln und Besuchshundedienst sowie mit Auslandshilfe, Arbeiter-Samariter-Jugend. mit Piraten-Hüpfburg, Spielmobil und Zelten, listete Scherrieble auf.

„Der ASB-Kreisverband Helmstedt ist heute – nach 100 Jahren Arbeitersamariter in Helmstedt – eine kompetente, vielfältige und vor allem professionell funktionierende, leistungsstark aufgestellte und allseits hochgradig anerkannte freiwillige Hilfsorganisation“, attestierte der Laudator dem Geburtstagskind unter großem Applaus der Gäste. Dieser Lobesrede hatte Kreisverbandsvorsitzender Hans-Jürgen Schünemann in seinem Schlusswort dann nur noch eines hinzuzufügen: „Unserem Motto: ,Unten führt, oben lenkt’, sind wir treu geblieben und werden es auch weiterhin bleiben.“

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