Gifhorner Ex-Wohngruppenbetreiber geht ins Gefängnis

Gifhorn.  Das Landgericht Hildesheim verurteilt den 57-Jährigen zu drei Jahren und zwei Monaten Haft. Seine Ehefrau bekommt eine Bewährungsstrafe.

Urteilsverkündung im Landgericht Hildesheim: Das angeklagte Ehepaar aus Gifhorn hat laut Gericht in ihrer Wohngruppe Schutzbefohlene misshandelt und Minderjährige sexuell missbraucht.

Urteilsverkündung im Landgericht Hildesheim: Das angeklagte Ehepaar aus Gifhorn hat laut Gericht in ihrer Wohngruppe Schutzbefohlene misshandelt und Minderjährige sexuell missbraucht.

Foto: Reiner Silberstein / BZV

Der 57-jährige ehemalige Betreiber einer Wohngruppe für hilfsbedürftige Kinder in Gifhorn geht für drei Jahre und zwei Monate in Haft. Das Landgericht Hildesheim verurteilte den Erzieher am Donnerstagvormittag wegen Misshandlung einer Schutzbefohlenen in einem Fall und wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in zwei Fällen. Seine 61-jährige Ehefrau, eine Pädagogin, wurde zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung und einer Zahlung von 6000 Euro an die Stiftung Opferhilfe verurteilt. Ihr wird dieselbe Misshandlung durch Unterlassen zur Last gelegt.

Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass zwischen 1998 bis 2007 wenigstens diese drei Taten so stattgefunden haben, wie sie die Opfer und Nebenklägerinnen geschildert haben. Ursprünglich wurden dem Mann sexueller Kindesmissbrauch in zwölf Fällen sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen in vier Fällen vorgeworfen, der Frau Misshandlungen in sieben Fällen.

Opfer wurde gezwungen, Windelpakete zu tragen

„Das war ein unglaubliches Geschehen!“, sagte die Vorsitzende Richterin Barbara Heidner. So seien die Aussagen eines Opfers, das zur Zeit seines Aufenthalts in der Wohngruppe 10 bis 16 Jahre alt war, absolut glaubhaft, dass es immer wieder gezwungen worden sei, Windelpakete zu tragen, wie ein Baby zu sprechen und den 57-Jährigen mit Kot aus der Windel zu füttern. „Diese Windeln musste das Opfer bis zu einer Woche tragen, auch in der Öffentlichkeit. Das war peinlich, roch unangenehm und verursachte Schmerzen“, so die Richterin. „Die Kammer ist vom Windelfetisch des Angeklagten überzeugt“, so Heidner, es seien bei der Hausdurchsuchung entsprechende Bilder, Bücher und Windelpakete gefunden worden. Darüber hinaus habe der Gifhorner dasselbe Mädchen zum Kuscheln im Bett aufgefordert und es im Intimbereich berührt.

Ein anderes Mädchen, das vom zweiten bis 14. Lebensjahr in der Gruppe lebte, sollte ihn als Fünf- bis Siebenjährige beim gemeinsamen Baden einseifen und dabei auch im Geschlechtsbereich anfassen. Heidner: „Er forderte es mit elf Jahren auch auf, mit ins Bett im Betreuerschlafzimmer zu kommen.“ Dort sei es zu sexuellen Handlungen gekommen.

Die Angeklagten zeigten keine emotionalen Regungen

Der Angeklagte zeigte während der rund einstündigen Urteilsverkündung und -begründung genau wie seine Ehefrau keine emotionalen Regungen, sondern hörte aufmerksam zu und machte sich fleißig Notizen. Nur vor Verhandlungsbeginn nahmen sich beide mit Blick zur Holzwand gegenseitig in den Arm – aber eher zum Schutz vor den Kameras dreier Fernsehteams und der Presse, obwohl die starke Vermummung mit Winterjacke, Pullover, Mützen oder Kapuze und Halstuch ohnehin schon keine Blicke auf die Gesichter zuließ.

Auch habe der 57-Jährige Reue gezeigt, sich sogar schon vor sechs Jahren – also lange vor der ersten Anklage – bei einem der Opfer entschuldigt. Dies und die Tatsache, dass es bei beiden keine strafrechtliche Vorbelastung gab und dass nach den Taten schon viele Jahre vergangen sind, habe die Kammer im Strafmaß mit einbezogen. Der Windelfetisch sei eine nicht so gravierende Störung, dass er die Schuldfähigkeit beeinflusst hätte.

Es herrschte „eine strenge, kalte Atmosphäre“

Als „undurchsichtig und eigenbrötlerisch“ bezeichnete die Richterin den Gifhorner. Weil er sich nicht gern habe „in die Karten schauen lassen“, sei es bei der Wohngruppe, die von 1994 bis zur Anklage im vergangenen Jahr bestand, wohl auch zwischendurch zu einem Trägerwechsel gekommen. „Bestimmend war der Mann, sie hat gemacht, was er vorgab“, war der Eindruck der Richterin. Insgesamt bescheinigte sie der Einrichtung „eine strenge, kalte Atmosphäre“, wenngleich es auch schöne Momente für die Bewohner gegeben habe. Es habe eben oft „massive Sanktionen und erniedrigende Erziehungsmethoden“ gegeben.

So hätten die Kinder nicht einfach aus dem Haus gehen dürfen, hätten keinen Schlüssel bekommen. Gelegentlich mussten Kinder ohne Bettdecken schlafen. „Kinder wurden auch kalt abgeduscht, wenn sie in die Windel gemacht haben“, so Heidner. Darüber habe es sogar Tagesnotizen der 61-Jährigen geben, wie ein Schriftgutachten ergeben habe. Zu den Bestrafungen gehörte es offenbar auch, dass Kinder in einen ein Kubikmeter großen Hundekäfig gesperrt wurden – teils bis zu vier Tage lang. Die zwei von vier Nebenklägerinnen, auf deren Aussagen sich das Urteil nun stützt, hätten keine psychologischen Schäden davongetragen, sagte die Vorsitzende Richterin. „Gott sei Dank!“

Prozess zog sich über ein ganzes Jahr

„Die Angeklagte hat das alles mitbekommen“, so Heidner über die Ehefrau. Aber sie sei nicht eingeschritten, obwohl sie es gekonnt hätte. „Sie hat es gebilligt, auch selbst das Windeltragen kontrolliert.“ Die Kammer stuft ihr Vergehen allerdings als „minderschweren Fall“ ein. „Es gibt ein schwaches Teilgeständnis.“

Der Prozess gegen das Gifhorner Betreiberpaar hatte vor etwa einem Jahr begonnen, wurde nach wenigen Verhandlungstagen jedoch unterbrochen, weil zusätzliche Ermittlungsakten aufgetaucht waren. Der Neustart war im Januar. Jetzt hat das Ehepaar hat eine Woche Zeit, gegen das Urteil Revision einzulegen.

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