Solidarische Landwirtschaft in Müden: Grün und Geld versöhnt

Müden.  Nadja und Martin Rautenberg zeigen mit 114 Mitgliedern, wie sich eine Alternative für Natur und Bauern rechnet.

Nadja und Martin Rautenberg versorgen 114 Familien mit Gemüse von ihrem Hof im Müdener Langenklint. Pro Anteil gibt es zudem die Eier von zwei Freilandhühnern.

Nadja und Martin Rautenberg versorgen 114 Familien mit Gemüse von ihrem Hof im Müdener Langenklint. Pro Anteil gibt es zudem die Eier von zwei Freilandhühnern.

Foto: Christian Franz

Auf einem Resthof im Müdener Langenklint betreiben Nadja und Martin Rautenberg die einzige solidarische Landwirtschaft im Landkreis Gifhorn. Hinter einem Tor, das nur wegen eines vorwitzigen Rehes geschlossen ist, das sich nur zu gerne an den üppigen Beeten labt, erstrecken sich 1,5 Hektar Bio-Gemüsegärten und 600 Quadratmeter Gewächshäuser. Zusammen mit fünf fair bezahlten Teilzeitgärtnerinnen versorgen die Rautenbergs 114 Mitgliedsfamilien.

Partnerbetriebe ergänzen die 45 Gemüsesorten um Kartoffeln und Kohl, um Rohmilch, weitere Milchprodukte wie Butter und Frischkäse sowie Rindfleisch. Mitglieder, die vegetarisch oder vegan leben, lassen solche Bausteine weg. Und Getreide? Ist komplizierter als man denkt, sagt Martin Rautenberg ein gutes Jahr nach dem Schritt in die solidarische Landwirtschaft. Ein „Brotanteil“ sei wichtig, doch bei den Kleinstmengen, um die es vorerst gehe, müssten sich zur Verarbeitung noch eine Mühle und ein Bäcker finden.

Viele Mitglieder sind persönlich engagiert.

Besuchstag im Langenklint: Gerade holen viele Mitglieder persönlich ihren wöchentlichen Ernteanteil ab. Die Kisten sind reichlich gefüllt: regional, saisonal. Die Familien kennen sich, feiern bisweilen am Lagerfeuer. Sie legen bei Bedarf einen Arbeitstag ein und halten finanziell zusammen. Der Kontrast zwischen solch heiler Welt und der oft beschriebenen Krise der konventionellen Landwirtschaft könnte größer nicht sein.

Nadja (32) und Martin (33) Rautenberg sind dennoch überzeugt, dass solidarische Landwirtschaft weit mehr ist als eine idealistische Nische: Ein tragfähiges wirtschaftliches Modell vielmehr, dass alle Bedürfnisse und Interessen versöhnt: Versorgungssicherheit zu bezahlbaren Preisen, nachhaltige bodenschonende Anbaumethoden und ökologische Produkte, dazu auskömmliche Erlöse für die Landwirte bei fairer Bezahlung der Mitarbeiter.

Das solidarische Modell ist konservativ durchgerechnet.

Was fabelhaft klingt, hat den Realitätscheck längst bestanden. Die Müdener bekamen anfangs Hilfe von der Hannoverschen Kooperative Wildwuchs. Martin Rautenberg hat sich bei Volkswagen als Industriemeister freistellen lassen, um seine volle Arbeitskraft dem Hof zu widmen. Den Arbeitsaufwand dort hat er sicherheitshalber ohne die freiwilligen Leistungen der Mitglieder kalkuliert. Als Betriebsleiter legen die Rautenbergs zudem die kaufmännischen Rahmenbedingungen fest.

Alle Ergebnisse des bisherigen ersten Wirtschaftsjahres bestätigen die Beteiligen aber in ihrer Auffassung: „Bio würde Deutschland ernähren.“ Anbauseitig setzte die Rautenbergs auf erprobte intensiv-ökologische Methoden mit Erträgen für 120 Menschen aus einem Hektar. Der Boden wird möglichst wenig bearbeitet. Bewässerung mit aufgefangenem Regenwasser und aus Brunnen ist möglich, war aber selbst unter den zuletzt herrschenden trockenen Bedingungen nur sparsam nötig. Gemischte Kulturen stärken sich gegenseitig, Kohlrabi und Tomaten etwa oder Gurken und Paprika.

Die Bio-Kontrolle obliegt den Mitgliedern.

Wirtschaftlich machen die Rautenbergs diese Rechnung auf: Rund 100 Euro im Monat muss jedes Mitglied durchschnittlich für das kostendeckende Jahresbudget aufbringen, einschließlich Investitionen und Abschreibung. Jedes Mitglied zahlt, was es kann: Die Bandbreite reicht von 70 bis 120 Euro. Über die Verwendung von Überschüssen wird gemeinsam entschieden. Das kann ein neues Gewächshaus sein oder ein Bonus für die Mitarbeiter. Im Gegenzug wird geliefert, was wächst. Das ist nach den bisherigen Erfahrungen üppig. Auch, weil nichts weggeworfen wird. Wer ein Gemüse nicht mag oder verreist, der tauscht oder gibt ab. Die Kategorie „nicht vermarktungsfähig“ gibt es zudem in Müden nicht. Eine Bio-Gurke schmeckt gut, selbst wenn sie mal nicht normgerecht gewachsen ist oder eine raue Schale aufweist. Vierstellige Beträge spart der Hof zudem durch Verzicht auf Öko-Siegel. Es sind die Mitglieder, die jederzeit alles kontrollieren können. Martin Rautenbergs Bio-Anspruch passt zu dem ganzen Ansatz der solidarischen Landwirtschaft: „Wir machen es einfach richtig.“

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