Auf der Jagd nach der ganz besonderen Forelle – der Marmorata

Tolmin.  Für die Marmorata-Forelle sind fünf Braunschweiger über 1000 Kilometer nach Slowenien gefahren. Nicht nur wegen der Fische hat es sich gelohnt.

Ruhe, Konzentration und der weite Weg haben sich gelohnt: Johannes Klages hält eine Marmorata-Forelle in den Händen.

Ruhe, Konzentration und der weite Weg haben sich gelohnt: Johannes Klages hält eine Marmorata-Forelle in den Händen.

Foto: Philipp Engel

Das erste, was an diesem Fluss auffällt, ist die Farbe: Smaragdgrün fließt sie dahin, die Soča in Slowenien. Gesäumt von zahlreichen Nebenflüssen fließt der Hauptstrom durch Slowenien und Italien. Die Anfahrt aus Braunschweig war lang (rund 1000 Kilometer), dennoch geht es nicht direkt ins Hotel, die Reisegruppe hält zunächst an einer Brücke und da stehen wir dann und glotzen in den Fluss.

Drei Tage Angeln, rund 2000 Kilometer Fahrt

Wir sind auf Angeltour, wollen mit der Fliegenrute in dieser Gegend, die landschaftlich zu den schönsten Europas zählen dürfte, einen ganz besonderen Fisch überlisten: Die Marmorata-Forelle. Sie kommt nur in den Flüssen vor, die in die Adria münden, wird mit bis zu 1,20 Meter deutlich größer, als die in unserer Region heimische Bachforelle und gilt als Fisch, der nicht einfach zu überlisten ist. Ihren Namen hat sie durch ihr Aussehen: Je nach Gewässer ist sie grau, grün bis braun, dabei erinnert das Muster auf dem Körper an Marmor: Die marmorierte Forelle. Für die Marmorata haben wir ein verlängertes Wochenende eingeplant, Donnerstag Hinfahrt, Freitag, Samstag und Sonntag angeln, am frühen Sonntagabend wieder zurück.

Der erste Kontakt mit dem Fisch passiert ganz ohne Köder und Rute

Der erste Kontakt zwischen Reisegruppe und Fisch geschieht noch auf der Brücke. Dass Angler (meist mit speziellen Sonnenbrillen, die die Lichtreflexe ein wenig herausfiltern) auf Wasser starren, liegt nicht an esoterischen Beschwörungsformeln, es geht schlicht darum, Fische zu sehen. Und wir entdecken sie schnell: Riesige dunkle Schatten, die fast bewegungslos zwischen großen Findlingen verharren. Johannes Klages kann es kaum abwarten, der 34-Jährige klettert die Böschung herunter, schleicht sich auf einen Stein, zieht den Pullover aus und versucht, mit dem Arm an den Fisch zu kommen: Kurz streicheln, wir tun dir schon nichts, nur schonmal Fühlung aufnehmen. In dem glasklaren Wasser verschätzt man sich allerdings schnell ob der Tiefe, Klages ist am Ende oberkörperfrei und liegt fast im Fluss. Die Forelle lässt es geschehen, aber kurz bevor er sie erreicht, macht sie eine kraftvolle Bewegung und verschwindet in den Weiten des Flusses. Von oben schaut der Rest zu: Alexander Nimz, Hannes Pflug, Steffen Malth und der Autor dieses Textes.

Wir wollen die Forellen nicht nur streicheln, wir wollen sie dazu bringen, auf unsere Köder hereinzufallen. Unsere Lizenz gilt drei Tage. Im ganzen Flusssystem ist allein das Fliegenfischen erlaubt, eine Art der Angelei, bei der der Köder lediglich aus einem Haken mit ein paar Fusseln, Federn und Fäden besteht, genannt „Fliege“. Damit werden Insekten und Larven imitiert, die auf und am Wasser leben. Weil diese Köder kaum Eigengewicht haben, dient die Schnur als Gewicht, sie wird in Schlaufen ausgebracht, die Rute dabei hin und her geschwungen.

Marmorata bestrafen jeden Fehler und jedes Geräusch

Ausschlafen ist nicht drin an diesen Tagen, wir stehen früh auf, essen ein schnelles Frühstück, setzen uns ins Auto und fahren die Spots an. Durch andere Angler, Internetforen und unseren Gastgeber, Tomaž Leban, der nicht nur wirklich gutes Essen und monströse Lunchpakete schnürt, sondern auch den Einstieg in das Soča -System erleichtert.

Am Fluss gilt Ruhe: Während in Deutschland Bach- und Regenbogenforellen einfach beißen, wenn man Glück hat, sind die Marmorata Fische, die jeden Fehler bestrafen. Alt, erfahren, aufmerksam. Hier dürfen die Fische von Touristen nicht entnommen werden, viele von ihnen dürften schon Bekanntschaft mit künstlichen Insekten gemacht haben. Sobald man einen Schatten wirft, eine schnelle Bewegung macht, durchs Wasser platscht, sind sie weg. Wir bewegen uns so lautlos, so langsam, so sachte es geht.

Drei Tage haben wir Zeit. Wir schleichen durch den Fluss, platzieren die Fliege dort, wo wir den Fisch vermuten und beobachten dann, ob dieser kleine Fussel für Erfolg sorgt. Bisweilen gar nicht einfach, denn die Bissen sind dezent, kurz und wer zu langsam reagiert, geht leer aus. Es ist Angeln mit höchster Konzentration. Und es macht den Kopf frei. Was die Gedanken sonst verstopft, ist nicht mehr wichtig, hier zählt nur noch das Erlebnis in dieser wundervollen Natur.

Fisch im Kescher – Erfolg bereits am ersten Angeltag

Bereits am Freitag vermeldet Klages Erfolg: Ziel erreicht, Marmorata im Kescher. Dank der kleinen Schonhaken (ohne Wiederhaken) und dank des Keschernetzes, das aus Gummi besteht, schwimmt der Fisch weitgehend unbeschadet wieder. Kontakt zum Fisch hat an diesem Freitag jeder, die Marmorata bleibt nur einem vorbehalten. Abends serviert Tomaž Essen. Was es gibt, weiß man vorher nicht, die Pension hat kein klassisches Restaurant mit Speisekarte. Der Gastgeber kauft in der Umgebung, was es eben gerade gibt und kocht daraus ein Menü, das mit diesen Zutaten halt funktioniert. Es schmeckt himmlich.

Durch die Wildnis an der Grenze zu Italien

Auch der Samstag bringt Spothopping. Bis an die italienische Grenze kommen wir, klettern in den Wathosen, mit den empfindlichen Ruten in der Hand, über Abhänge, schleichen über Findlinge, waten durch das glasklare Wasser überwinden Stromschnellen und tiefe Stellen. So geht es weiter bis Sonntag. Die Fahrer beenden den Angeltag etwas eher und legen sich im Auto noch schlafen, für den Rest geht es aus dem Wasser fast direkt auf den Autositz und wir fahren 1000 Kilometer zurück.

Im nächsten Jahr soll jeder Marmor in den Händen halten

Die Bilanz sind drei Marmorata-Forellen, dazu diverse Regenbogenforellen, tausende Eindrücke von einer überwältigenden Landschaft und einem der schönsten Flüsse Europas. Ankunft in Braunschweig am frühen Montag-Morgen. Vom Schlaf her war der Erholungsfaktor an diesem Wochenende überschaubar, aber der Kopf ist frei wie selten.

Fazit: Das Ziel, diesen Fisch zu überlisten, ist erreicht. Nächster Schritt: Jeder hat einmal Marmor in den Händen. Wir kommen wieder.

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