25 Jahre Kunstmuseum Wolfsburg: Zeit der Ernte

Das Kunstmuseum Wolfsburg blickt mit einer Jubiläumsausstellung zur Wiedereröffnung auf seine Bestände aus 25 Jahren.

Mario Merz: „Tavola“ von 1976, im Wechsel der Verderblichkeit und der Jahreszeiten stetig neu gedeckt mit Obst und Gemüse.

Mario Merz: „Tavola“ von 1976, im Wechsel der Verderblichkeit und der Jahreszeiten stetig neu gedeckt mit Obst und Gemüse.

Foto: Andreas Berger

Bunt, groß und vielfältig ist das, was sich im Kunstmuseum Wolfsburg in 25 Jahren zusammengesammelt hat. Und doch glänzen die Äpfel, Zitronen und Kohlköpfe aus der ersten Erwerbung überhaupt, Mario Merz’ „Spiraltisch“ von 1976, so frisch und lecker wie eh und je. Das Obst und Gemüse wird ständig neu ergänzt, und so sieht es auch mit der Sammlung aus, die dank eigener Ankäufe, Dauerleihgaben und Schenkungen (unter anderem der Museumsfreunde) auf 600 Werke gewachsen ist.

Vom Wachstum handelt auch Merz’ der Gemüseinstallation zugrundeliegende Zahlenreihe des Fibonacci. Die offene Form der Spirale, die einladende Geste des Gabentisches setzen ein Zeichen für eine Sammlungstradition, die das Sozialkritische nicht auf dem Weg des konkreten politischen Aktes, sondern in der künstlerischen Gegenposition zur materialistischen Welt suchte. Merz lenkt den Blick jedenfalls auf Geheimnisse hinter dem Marktwert, handelt von Werden und Vergehen in der Tradition der Vanitas, aber natürlich auch davon, dass die Gaben der Natur allen versprochen sind zur Hege und gemeinschaftlichen Nutzung.

Und dazu passt dann Merz’ Iglu mit der Neonaufschrift „objet cache- toi“, ein Ur-Haus, dessen Objektwert hinter seiner ideellen Aufgabe zurücktritt. Den Slogan fand Merz 1968 bei den Studentenunruhen in Paris, die in der Vergemeinschaftung den kapitalistischen Warenwert aufheben und in allgemeinen Nähr- und Nutzwert überführen wollten.

Ein paar Beuyssche Baumpflanzungen hätten in diese Reihe gepasst, aber der Übervater der modernen Kunst in Deutschland ist in Wolfsburg nur auf einem spektakulären Großgemälde von 1990 aus Jörg Immendorffs Pinsel präsent.

Dort scheint er mit Marcel Duchamp, dem anderen Großmeister der Kunstgeste, die den Alltagsgegenstand qua auratischer Handlung zur Kunst erhebt, die deutsche Einheit zu diskutieren. Die wird über ihnen im Bild wie ein heißes Eisen geschmiedet, und im Dunkel der Geschichte und dieser Leinwand finden sich noch die Mauer, ein Sensenmann mit Hitlerbart und manch anderes Getümmel. Aber vor ihnen auch Laternen, die wie beleuchtete Pavillons Künstlern wie Lüpertz, Baselitz und Penck gewidmet sind – Leuchtfeuern einer vertiefenden Kunst im politischen Gewimmel?

Neo Rauch, der noch in der DDR aufwuchs, gehört zu den mystischen Geschichtsdeutern, dessen Vor-Harzer Baracken mit comichaft stilisierten Figuren immer Überwachung und Verbrechen ahnen lassen, jedenfalls ungemütlich sind („Regel“, 2000). Dem korrespondiert im Medium des Fotoleuchtkastens Jeff Wall mit Szenarien flüchtiger Begegnungen, die Deutung fordern, als würde man beim zufälligen Blick aus dem Fenster Zeuge der Anklage. Was mag aus den Menschen auf den Schwarzweißfotos in Christian Boltanskis halbdunklem Fotokabinett geworden sein? Er entnahm sie alten Alben aus der Zwischenkriegszeit. Sehen wir potentielle Opfer oder Täter, was machte sie dazu?

Es gibt auch provokative Setzungen wie Gilbert und Georges demonstrative Bilder aus dem schwulen Leben, Cindy Shermans Selbstinszenierungen als Hausfrau und Hexe, Bruce Naumans Wachsköpfe, die paarweise gebündelt aneinander vorbeischauen, weil unsere multimediale Welt Kommunikation nach seiner Auffassung paradoxerweise nicht mehr pflegt.

Einiges bleibt auch im Plakativen hängen, etwa Gert Jan Kockens allzu aufdringliche Riesen-Dollarscheine mit Aufschriften zu Hiroshima und Nagasaki oder ein Mikrophon in Form einer Handgranate.

Luc Tuymans’ Arbeit über Albert Speers grauenhaften Brief an Himmler hingegen erklärt sich zu wenig. Speer hatte bemängelt, dass die KZ-Architektur den Häftlingen noch zu viel Platz lasse. Dann ging er Ski fahren. Ein graues Ölgemälde, das Himmler zeigen soll, ein anderes in Schneeweiß versinkend und eins mit ein paar grauen Strichen womöglich einer Baracke, das bleibt kryptisch, kennt man den Zusammenhang nicht. „Restbilder“ nennt das Tuymans selbst.

Stärker die jüngsten Neuerwerbungen wie Burhan Dongonçays gemaltes Mauerfragment mit typischen Graffiti, Sinnsprüchen oft des Agitprop: „Besser auf Füßen sterben als auf Knien leben“. Pieter Hugo zeigt in einer Fotoserie die schwarzen Richter des höchsten Gerichts von Ghana – mit den weißen Perücken der Kolonialzeit. Und einen Knaben, der mit seinem kostümierten Äffchen, das er womöglich gegen Geld vorführt, schicksalhaft zusammenkettet ist.

Die globale Perspektive, so Kurator Holger Broeker, komme erst seit der Jahrtausendwende vermehrt ins Spiel. Positionen aus Afrika, Indien, Südamerika. Dafür stehen etwa der Haitianerin Firelei Báez’ Übermalungen kolonialer Buchseiten. Während Mette Tronvoll in ihren Farbfotos die stille Kraft der Ureinwohner Grönlands einfängt, wenn sie in heißen Quellen sitzen und beseligt nach innen lächeln. Kein Bild könnte stärker illustrieren, was das einem Bild Michel Majerus’ entnommene Motto der Schau fordert: „Now is the time“. Zum Genießen. Und zum Ändern, damit Genuss weiter möglich ist wie auf dem stets neu gedeckten Naturgabentisch Mario Merz’.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder