Schwarz Rot Gold

Über eine ungewöhnliche Geburtstagsfeier

Sie hatte sich sorgfältig gekleidet und geschminkt, und sie duftete lieblich.

An manchen Tagen überkommt mich die Sehnsucht, in mein Heimatland zurückzukehren. Das liegt nicht daran, dass ich mich in Deutschland unwohl fühle, sondern dass ich das Gefühl habe, nicht vorwärts zu kommen.

Aber der Grund, der mich bewegt hat, mich für ein Leben in Deutschland zu entscheiden, besteht immer noch: Meine eigenen Eltern. Sie haben mich zwar in die Welt gesetzt, aber meine geistigen Eltern sind sie nicht. Wir haben keine Gemeinsamkeit. Wir sind einander so fremd, dass ich sie selten anrufe. Ich finde es auch albern, im Alter von 52 Jahren über das Verhältnis zu meinen Eltern zu klagen. Die Konsequenzen sind es, die sie in meine Erinnerung rufen.

Nachdem meine letzten Gäste sich am Samstag verabschiedet hatten, ging es mir schlecht. Tausende Fragen kreisten durch meinen Kopf. Ich schloss die Eingangstür und setzte mich an den Tresen. Ich fing an zu grübeln. Zuerst wollte ich mir ein Glas Wein einschenken. Dann verwarf ich den Gedanken. Ich trinke Wein nur, wenn ich fröhlich bin. Nicht, wenn meine Laune sich im Keller befindet. Ich will Ruhe. Sicherlich werden die Leser sagen, dass man keine Ruhe findet, solange man lebt. Aber ich sehe um mich herum, wie die Nachbarn, die Freunde und die Bekannten in Urlaub fahren oder ihren Hobbys nachgehen. An solche Rast kann ich nicht denken. Welche Entscheidung soll ich treffen? Auf alle Fälle kann ich im Moment kaum etwas tun. Das Coronavirus hat uns im Griff. Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, hörte ich es an der Tür klopfen. Ich ging zum Fenster und schaute hindurch. Ich sah eine Frau, die mir zuwinkte. Ich schloss auf, sie grüßte mich und sagte: „Ich mache einen Spaziergang und habe gesehen, dass das Licht noch brennt. Bekomme ich noch etwas zu trinken?“

Sie hatte sich sorgfältig gekleidet und geschminkt, und sie duftete lieblich. Ich zögerte kurz und ließ sie herein. Zuerst bat sie um Wasser. Nachdem ich ihr ein Glas eingeschenkt hatte, zeigte sie auf die Uhr und sagte: „In einer halben Stunde werde ich 60.“ Sie hatte keine Lust mehr gehabt, allein zu Hause zu sitzen, und beschlossen um die Häuser zu gehen. Sie hätte gerne reingefeiert, aber wegen der Coronakrise ging das nicht.

Die Kinder und Enkelkinder waren am Sonntag zum Frühstück eingeladen. „Wir sind gerade Seelenverwandte“, sagte ich. Sie blickte mich fragend an. Ich sagte ihr, dass die aktuelle Lage meine Nerven strapaziere. Ich schlug ihr vor, bis Mitternacht zu bleiben, damit sie wenigsten nicht allein ihrem Sechzigsten Geburtstag begegne.

„Wie alt sind Sie?“ fragte sie mich. „52“, antwortete ich. „Ich habe gerade jemanden kennengelernt, der jünger ist als ich.“ „Haben Sie damit ein Problem?“ „Nein, aber ich finde es ungewöhnlich.“ Ich überlegte kurz und sagte: „Eine Frau, die Sechzig ist, sollte ihr Leben in vollen Zügen genießen. Vergessen Sie das Alter. Wenn Sie zwanzig Jahre alt wären und einen 16-jährigen Freund hätten, das wäre ungewöhnlich.“ Sie lachte fröhlich und sagte: „Danke.“ „Und wo ist er jetzt?“ „Bei sich zu Hause. Ich wollte nicht, dass er der ,Alten’ gratuliert.“ „Aber jetzt gratuliert Ihnen ein jüngerer Wirt.“

Wir unterhielten uns eine Weile über Gott und die Welt, dann schaute ich auf die Uhr. Ich füllte zwei Gläser mit Sekt und reichte ihr eins. Die Uhr schlug Mitternacht. Ich erhob das Glas und wünschte der Dame alles Gute zu ihrem Geburtstag. Wir hielten Abstand.

Sie trank einen Schluck und sagte: „Versprechen Sie mir, dass Sie aufhören zu grübeln und ins Bett gehen werden.“ Ich nickte ihr zu. Sie leerte ihr Glas. Nachdem sie bezahlt hatte, bedankte sie sich dafür, dass ich sie reingelassen hatte. „Das ist mein Beruf“ entgegnete ich, während ich sie zur Tür begleitete. Ich schloss ab, machte das Licht aus und ging schlafen.

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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