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Wie man einem Kind erklärt, was ein Steuerberater macht

Das Wort „Steuer“ heißt, in meiner Muttersprache, direkt übersetzt „Schlafgeld“ beziehungsweise „Schlafgebühr“.

Obwohl seit einigen Wochen den Restaurants und Cafés erlaubt wurde, wieder zu öffnen, habe ich mich nicht getraut, meine Gaststätte aufzumachen. Ich wollte das gesundheitliche und wirtschaftliche Risiko vorerst abschätzen, und da der Staat mich im Rahmen der Corona-Verordnung zu einem Aufpasser meiner Gäste gemacht hat, wusste ich nicht, wie ich in einer Person einen gastfreundlichen Wirt und einen Ordnungshüter vereinen konnte. Deshalb öffnete ich erst letzte Woche, nachdem ich einige Stammgäste zur Probe eingeladen hatte.

Um 18 Uhr nahmen die ersten Besucher auf dem Hof Platz. An einem Tisch saß der fünfjährige Mika mit seinen Eltern. Mit zwei Metern Abstand saßen mein Freund Marco und seine Freundin. Nach einem Augenblick sah ich, wie Marco den kleinen Mika, der in sicherem Abstand zuhörte, ansprach. Während ich mit Sorge aus der Ferne die Szene beobachtete und fürchtete, dass der Junge zu nah zu Marco geht, riefen seine Eltern ihn zur gleichen Zeit zurück. Kinder können schwer stillsitzen, und wenn sie wie in diesem Fall draußen umgeben von Pflanzen, Bäumen und Menschen sind, ist der Bewegungsdrang groß. Vor der Corona-Zeit hätte Marco, so wie ich ihn kenne, sich wahrscheinlich mit dem Jungen unterhalten und ihm vorgeschlagen, sich zu ihm und seiner Freundin zu setzen. Das geht leider zurzeit nicht.

Der Gastwirt in mir wurde Ordnungshüter, ich ging zu dem Jungen und sagte ihm: „Hör zu! Marco ist mein Freund. Er ist auch Steuerberater. Ich würde nicht erlauben, dass er dein Freund wird. Bleib bitte bei den Eltern.“ Amüsiert sagte die Mutter: „Oh, ein Steuerberater! Den würde ich auch nicht hergeben.“ Wir lachten. Dann fragte Mikas älterer Bruder: „Was ist ein Steuerberater?“.

Wie soll ich einem Kind erklären, was ein Steuerberater macht? Ich dachte an meine Kindheit, als mein Lehrer mir erklärte, was eine Steuer ist. Das Wort „Steuer“ heißt, in meiner Muttersprache, direkt übersetzt „Schlafgeld“ beziehungsweise „Schlafgebühr“. Der Lehrer sagte, dass der Staat das Geld von unseren Eltern kassiere, damit er die Polizisten bezahlen könne, die in der Nacht über unseren Schlaf wachen.

Während ich ein Beispiel suchte, stolzierte Ikari, mein Gastkater, über den Hof. „Schau mal diesen Kater an“, sagte ich zu dem Jungen, „er kommt jeden Tag zu mir. Nachts weigert er sich nach Hause zu gehen und versucht, sich zu verstecken. Er frisst viel und kostet mich täglich ungefähr 5 Euro.“ Dieses Geld kommt aus meiner Tasche. Da der Staat von dem Geld, das mir am Ende des Monats zurückbleibt, Steuern abzieht, hilft mir der Steuerberater, damit ich dem Staat nicht mehr Steuern als nötig bezahle. Dem Steuerberater könnte auffallen, dass ich zu viel Katzenfutter kaufe. Dann würde er versuchen, diese Kosten von meinem Gewinn abzuziehen. Er könnte dies damit begründen, dass der Kater ein Schädlingsbekämpfer ist, und damit indirekt mein Mitarbeiter.“ Die Erwachsenen lachten und schauten dem Kater zu, wie er sich lässig mitten auf den Hof legte. Mikas Bruder blickte Marco fasziniert an. Ich fuhr fort: „Es kann sein, dass die Behörden, die für den Staat die Steuern eintreiben, sich weigern, die Kosten für Ikari anzuerkennen. In diesem Fall kann ich von seinem Herrchen, der mein Nachbar ist, verlangen, dass er mir die Kosten für das Katzenfutter ersetzt. Er könnte sich auch weigern, mit der Begründung, dass er für die Streifzüge des Katers nicht verantwortlich sei. Er legte die Route für den Kater nicht fest. Außerdem würde ich ihn freiwillig füttern. Weshalb die Mäuse bei ihm zu Hause wieder eingezogen wären. Ich bräuchte schließlich einen Anwalt, der mich über meine Rechte als unfreiwilliger Gastgeber eines Katers beraten wird. Und wenn ich mich mit meinem Nachbarn nicht einigen könnte, müsste ein Richter entscheiden, wer von uns dreien, der Staat, mein Nachbar oder ich, die Kosten für das Katzenfutter übernehmen soll. Jetzt muss ich arbeiten. Aber vorher habe ich noch eine Frage: „Was möchtet Ihr werden?“ Mika sagte: „Steuerberater.“ Sein Bruder: „Anwalt.“

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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