Mitten in Braunschweig

Von Narrenbäumen und Luftwurzeln

Heute ist der Schulgarten ein Naherholungsgebiet und vor allem ein Klassenzimmer im Grünen für Abertausende von Schülerinnen und Schülern.

Ja, was ist denn das? Da wehen riesige Transparente im Wind. Sie sind schwarz-weiß gehalten und baumeln in Bäumen. Und was ist auf den sechs Quadratmeter großen Fotos zu sehen? Bäume. Ich gehe näher hin, um mir den Baum im Baum genauer anzuschauen und entdecke auf dem Foto eine zarte junge Frau, die so in dem Baum drapiert ist, dass sie mit ihm und sogleich mit der Natur verschmilzt. Sie wollen sicherlich wissen, wo diese Fotofahnen mit dem Thema „Narrenbäume“ hin- und herschaukeln. Im Schulgarten am Dowesee. Dort sind 20 Exponate des Fotografen Wilhelm W. Reinke anlässlich des 100. Geburtstags des Schulgartens zu sehen. Wieso erzähle ich Ihnen das? Weil es der Anfang eines unvorhergesehenen Vormittags war.

Eigentlich wollte ich nur in den Schulgarten, um der herrlichen Parkanlage mit seiner aufgeräumten Natur und dem See mal wieder einen Besuch abzustatten. Ich fahre dort gern immer wieder mal hin, schaue, ob „meine“ Statuen aus den Fünfzigerjahren noch da sind: die Gänseliesel von Grete Krämer-Zschäbitz, die Eulen und Hasen von Anne-Funke-Schmidt und ihre schöne „Melusine“, die sich scheinbar versonnen mit einem Fisch im Arm im Wasser aalt. Aber heute ich komme gar nicht dazu, denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Ich bin also zufällig an einem Sonntag im Schulgarten und zufällig ist es kurz vor 11 Uhr. Da spricht mich zufällig ein Mann mit Strohhut und gewebter Umhängetasche an, ob ich zur Führung hier sei. „Na, klar!“, entgegne ich spontan. Zufällig Glück gehabt, denn es folgt eine launige, kurzweilige und anregende Führung von Thomas Ellwarth, der schon seit 30 Jahren die Geschicke des Förderverein des Schulgartens mitgestaltet. Er beginnt seine Tour am Gärtnerhäuschen, das noch bis nach dem Krieg bewohnt war. Als die Stadt noch nicht sparen musste, arbeiteten noch mehrere Gärtner hier. Heute soll dort ein kleines Museum entstehen. Vor genau 100 Jahren, also 1919, legte die Stadt Braunschweig nach Plänen des Stadtgartendirektors Georg Michael den Schulgarten an. Paul Ramke, Lehrer der Städtischen Knaben-Mittelschule, wurde der erste Leiter des Schulgartens. Er ist übrigens auch hier, in seiner Wirkungsstätte, begraben. Ihm zu Ehren wurde ein großer Findling aufgestellt.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, wie es am Dowesee um 1920 aussah? Es gab noch kein Siegfriedviertel, keine Schuntersiedlung, nur das heute denkmalgeschützte Wasserwerk am Bienroder Weg von 1902 pumpte schon damals das Grundwasser in die Stadt. Nahe gelegen, aber leider heute nicht zugänglich, ist noch ein See, der Bullenteich, der ebenso wie der Dowesee durch einen sogenannten Erdfall entstanden ist. Das soll schon vor 250 Millionen Jahren passiert sein, erzählt Ellwang. Doch zurück zur Jetztzeit.

Heute ist der Schulgarten ein Naherholungsgebiet und vor allem ein Klassenzimmer im Grünen für Abertausende von Schülerinnen und Schülern. Meine Tochter zum Beispiel fischte begeistert Seekäfer aus dem Morast. Das dort ansässige regionale Umweltbildungszentrum bietet Schulklassen Workshops zu verschiedenen Themen in puncto Fauna und Flora an. Im Sommer finden hier jährlich unter dem Motto „Kultur unter Glas“ Musikveranstaltungen statt und auf dem Programm stehen naturkundliche Führungen sowie besinnlich-meditative Angebote. Unsere kleine Gruppe umrundet plaudernd den See, wir erfahren en passant etwas über besondere Bäume und ihre Luftwurzeln, Stein- und Klangskulpturen und immer wieder eingeflochten gibt’s kostenlose Nachhilfe in Sachen pädagogische Entwicklungen der letzten hundert Jahre.

Während des Rundgangs frage ich mich, ob unser Gartenführer wohl Schauspieler oder Komödiant war oder ist, denn er erzählt Geschichten von verderbten Zisterziensermönchen, geheimnisvollem Donnern am Grunde des Sees und verschwundenen Einbäumen. Es ist eine wahre Freude, ihm zuzuhören und zuzusehen. Schade, dass nur so wenige Besucher die Geschichten des Schulgartens erfahren haben. Ich jedenfalls habe es genossen.

Thomas Ellwang zeigt uns natürlich auch den etwas verwilderten Kräutergarten, lässt uns anfassen und riechen, erzählt Geschichten. Zum Beispiel, dass man in „Maggi“ eines nicht findet, nämlich Maggikraut. Und, fragt er uns, wie heißt das Maggikraut wirklich? Ich fühle mich in die Schulzeit zurückversetzt: viele Frage, keine Antworten. Liebstöckel heißt der Doldenblütler, verrät uns Lehrer Ellwang. Und wie kam das Suppen- und Eintopfkraut zu diesem Namen? Das verrate ich nun nicht – das soll Ihnen Thomas Ellwang mit seinem unnachahmlichen Charme selbst erzählen. Der nächste Sonntagsspaziergang findet am 22. September um 11 Uhr statt. Hingehen, sage ich nur!

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