Schwarzrotgold

Von vielen Sparschweinen und teuren Kassen

Die Folgen der Inflation zwangen mich letztendlich, nach Braunschweig zu kommen, um mein Studium fortzusetzen.

Als kleiner Junge habe ich mich immer sehr gefreut, wenn mir jemand eine Münze schenkte. Diese wurde sofort in den Tante-Emma-Laden von nebenan getragen. Ich kaufte regelmäßig alles, was Kinderherzen begeistert: Bonbons, Schokolade und Kekse. Für Limonade brauchte ich kein Geld. Ich ging in die Stammkneipe meines Vaters, und wurde dort auch bedient. Ich trank meine Limonade und ging wieder.

Ich wusste nicht, dass man dort bezahlen muss, weil ich nie gesehen habe, wie mein Vater bezahlt hat, wenn er mich dorthin mitnahm. Wie ich später erfahren habe, hat der Wirt Buch geführt über meinen Verzehr, den mein Vater dann zum Monatsende beglich.

Sicherlich werden sich heutzutage die Jugendschützer die Haare raufen. Wir lebten damals in einer kleinen Stadt, wo jeder meinen Vater, den Schuldirektor, kannte. Auf alle Fälle lernte ich früh, wie wichtig Geld sein kann. Mit der Zeit wurde aus den Münzen Taschengeld. Meine Eltern erklärten mir, dass ich sparen lernen müsse. Und so bekam ich im Alter von acht Jahren mein erstes Sparschwein. Aber weil ich es regelmäßig „schlachtete“, um das Gesparte wieder auszugeben, war ich gezwungen, von meinem Taschengeld immer wieder ein neues Sparschwein zu kaufen. Ich ließ mir beibringen, wie man aus Ton Sparschweine fertigte. Folglich hatte ich mehrere Sparschweine, die immer weniger Münzen in ihren Bäuchen hatten. Dank der damaligen Kopplung an die französische Währung – und heute an den Euro – kannte ich keine nennenswerte Inflation, bis ich in die Sowjetunion ging. Dort bekam ich mein Stipendium bar auf die Hand. In Moskau lernte ich in kurzer Zeit die Inflation kennen. Das Brot, das am Vortag fünf Geldeinheiten gekostet hatte, kostete am nächsten Tag das Doppelte. Es war furchtbar. Die Folgen der Inflation zwangen mich letztendlich, nach Braunschweig zu kommen, um mein Studium fortzusetzen.

Hierzulande wurde mir nahegelegt ein Konto zu eröffnen. Ohne ein Konto sei es praktisch unmöglich, in Deutschland zu leben. Von dem Tag an wurde ein Teil meines Geldvermögens virtuell. Dass ich etwas für die Kontoführung bezahlen musste, störte mich nicht so sehr, weil ich die Bank wie einen Bewahrer meines Geldvermögens ansah. Die Form des Geldes war mir unwichtig, solange ich studierte. Auch als Arbeitnehmer spürt man kaum einen Unterschied zwischen dem elektronischen Geld und dem Bargeld. Aber für Händler und Handwerker zum Beispiel ist das etwas anderes.

Es besteht in Deutschland zwischen dem Staat und seinen Bürgern, die ein kaufmännisches Gewerbe betreiben, ein ständiges Misstrauen. Der Staat will einerseits nicht, dass ihm Steuern entgehen, und die Geschäftsleute wollen andererseits möglichst wenig Steuern bezahlen. Als ich mich selbstständig machen wollte, war es mein Wunsch, das Geschäft so zu gestalten, dass kein Bargeld fließt. Die Einnahmen sollten ausschließlich über das Konto laufen. Leider war es mir nicht möglich, einen komplett barmittelfreien Betrieb auf die Beine stellen. Aus diesem Grund war ich gezwungen, eine Kasse anzuschaffen.

Ich habe mich erkundigt und erfahren, wie viel so eine Kasse kostet. Sie ist so teuer, dass mir sogar Leasing angeboten wurde. Die Entscheidung, die ich vor zehn Jahren getroffen habe, um für mehr Vertrauen zwischen dem Staat und mir zu sorgen, ist zufälligerweise eine ökonomische Entscheidung geworden. Denn Bargeld ist mittlerweile teuer geworden.

Das musste ich vor kurzem erfahren, als ich wegen einer öffentlichen Veranstaltung Wechselgeld besorgen wollte. Ich musste für jede Rolle, die ich am Automat oder an der Kasse geholt habe, eine Gebühr entrichten. 50 Euro in Scheinen sind nicht mehr 50 Euro in Münzen. Auf diese Weise werden die bargeldlosen Zahlungsmittel eines Tages die Münzen vollständig ersetzen. Wenn dies vor 50 Jahren der Fall gewesen wäre, hätte ich vielleicht nie getöpfert oder eine Münze mit Freude in der Hand gedreht. Aber was dann? Vielleicht erlebe ich das noch.

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